A Fábrica de Nada – The nothing Factory

  Dienstag, 22. Januar 2019 - 19:00 bis - 22:00

 

»Als eines Nachts Maschinen aus ihrer Fabrik abtrans­por­tiert werden, ahnen die Arbeiter schon Böses. Die Besitzer wollen die Produk­tion an einen anderen Standort verlagern. Sie haben aber nicht mit dem Wider­stand ihrer Arbeit­nehmer gerechnet: Die lassen sich nicht einfach auf die Straße scheuchen, sondern besetzen die Fabrik.« (Film Festival Cologne)  
Georg Seeßlen in der Wochenzeitung "DIE ZEIT":
Die Fabrik der Hoffnung – Pedro Pinho gelingt mit "A Fábrica de Nada" die Wiedergeburt des politischen Films:
A Fábrica de Nada erzählt nämlich diese Geschichte nicht einfach, wie es vielleicht ein "Arbeiterfilm" vergangener Tage getan hätte und er reduziert sich auch nicht auf das moralisch-politische Dilemma zwischen Familien- und Klassensolidarität, wie es die Gebrüder Dardenne etwa in "Zwei Tage, eine Nacht" taten; er ist nicht von dieser heroisch-stoischen Sympathie für working class-Rebellen durchdrungen wie Filme von Ken Loach und obwohl es in diesem Film von Pedro Pinho sehr viel und ernsthaft um Theorie und Form geht, entzieht er sich nicht dem emotionalen Engagement, wie es Jean-Luc Godard tat. – A Fábrica de Nada denkt, in Bildern, in Worten, in Bewegungen und nicht zuletzt in Musik, über alle Möglichkeiten nach, Film und Politik miteinander zu verbinden. Der klassische teilnehmende Dokumentarismus, pasolinische Überhöhungen, Neorealismus, Melodrama, Komödie, brechtsche Verfremdungen, sogar Surrealismus und schließlich Musical: Alles wird in diesem Film erprobt und wunderbar montiert. – Die Befreiung, von der A Fábrica de Nada träumt, vollzieht der Film nämlich auch selbst. Es ist ein Film, der sich alles erlaubt und der das kann, weil er für all das gute Gründe hat. Der formale Reichtum und die immer wieder überraschend in- und übereinandergeschichteten Ebenen von Reflexion und Kritik, einschließlich einer kritischen Anwesenheit des intellektuellen Filmemachers selbst, funktionieren, weil sie von beeindruckender cineastischer Intelligenz zusammengehalten werden. Dieser Film ist so komplex, dass am Ende etwas sehr Einfaches herauskommt.


Eintritt: frei

Portugal 2018
OmdU: portugiesisch mit deutschen Untertiteln
Kinostart: 18. Oktober 2018
177 Minuten
FSK: ab 0; f

Regie/Buch: Pedro Pinho
Vorlage: Das Bühnenstück "Die Nichtsfabrik" (De niets-fabriek) der niederländischen Schriftstellerin Judith Herzberg
Kamera: Vasco Viana
Schnitt: José Edgar Feldman, Luisa Homem, Cláudia Rita Oliveira

Darsteller:
José Smith Vargas (Zé) · Carla Galvão (Carla) · Njamy Sebastião (Mowgli) · Joaquim Bichana Martins · Danièle Incalcaterra (Aktivist Daniele)

17 Filmpreise plus 18 Nominierungen
u. a. Cannes Film Festival 2017: FIPRESCI-Preis
und Münchener Film Festival 2017: CineVision Award

FilmhomepagePresseheft

positive Kritiken:
Kritik von Georg Seeßlen in der Zeit
Kritik von Bert Rebhandl im Wiener Standard
Kritik von Bert Rebhandel in der FAZ
Kritik von Fabian Tietke in der taz
Kritik von Lucia Wiedergrün auf Kino-Zeit.de
Kritik von Manon Cavagna auf critic.de
Kritik von Sebastian Markt im Perlentaucher
Kritik von Oliver Armknecht auf Film-Rezensionen.de
Kritik von Moritz Holfelder auf BR24 Kultur
Kritik von "Stefe" auf "Filmjornalisten".de
Kritik von  Bianka Piringer auf Spielfilm.de

"neutrale Kritiken":
Kritik von Andreas Busche im Tagesspiegel
Kritik von Björn Schneider auf Programmkino.de

negative Kritiken:
Kritik von Frank Schnelle im Filmmagazin EPD (3 von 5 Sternen)
Kritik von Simon Rayss in der Süddeutschen Zeitung


Kurzkritik Filmdienst: 
Als einer Aufzugsfabrik im krisengebeutelten Portugal die Insolvenz droht, sollen die Arbeiter mit Abfindungen besänftigt werden. Nach erhitzten Debatten über Politik und Aktionismus widersetzt sich eine Gruppe der Beschäftigten dem Ansinnen und besetzt die Arbeitsstätte. Der mit Laiendarstellern inszenierte epische Mix aus Drama, dokumentarischen Szenen und Systemkritik beschreibt einen Akt der Selbstermächtigung, in dem sich der Diskurs über Globalisierung, Strukturwandel und Kapitalismus in einen emanzipativen Akt verwandelt. (O.m.d.U.)
Ab 16.
Esther Buss

Trailer (99 Sekunden):


ausführliche Kritik Filmdienst
„Hört, der Lärm der Maschinen ruft uns!“ – „Maschine, Du bist noch nicht eingerostet!“ – „Löse dich aus deiner Starre, es geht wieder an die Arbeit!“, schmettern die Blaumann tragenden Arbeiter in vollen, wenn auch leicht schiefen Tönen in Richtung der stillstehenden Maschinen. Das Verhältnis von Maschine und menschlicher Arbeit, das in den über zwei Filmstunden zuvor ausschließlich als ein bedrohter Produktionszusammenhang besprochen wurde, weicht in dieser idiosynkratischen Musicaleinlage einer geradezu zärtlichen, vor allem jedoch existentiellen Beziehung.
Die Frage, was das eine ohne das andere wert ist, bestimmt „A Fábrica de nada“ von Anfang an. Ein linker Intellektueller formuliert es wie eine logische Gleichung ohne dazugehörige Lösung: „Wert wird nur von lebendiger, menschlicher Arbeit generiert. Maschinen generieren keinen Wert. Die technologische Entwicklung ersetzt die menschliche Arbeit durch Maschinen. Das ist der grundlegende Widerspruch, dem wir nicht entfliehen können.“
Schauplatz des Films ist eine Aufzugsfabrik in der Nähe von Lissabon in Zeiten der Krise. Nach einem nächtlichen Anruf kommt es vor dem Arbeitsplatz zu einer spontanen Versammlung von Beschäftigten; Grund ist der heimliche Abtransport von Maschinen. Der Verdacht einer Abwicklung bestätigt sich, als sich die Unternehmerin am nächsten Tag in Begleitung eines Produktionsmanagers und der Personalmanagerin sehen lässt. Plötzlich kursieren neoliberale Begriffe wie „Neuaufstellung“ und „individuelle Potentiale“ – das Wort Entlassung aber will niemand aussprechen.
Während Einzelgespräche über Abfindungen laufen, entstehen unter den Arbeitern Kontroversen über Möglichkeiten des politischen Aktionismus. Die Situation ist existenzbedrohend – zu Hause warten schließlich Kinder, die ernährt werden wollen. Dennoch entscheidet eine Gruppe, die Fabrik zu besetzen. Was aber ist ein Streik überhaupt wert, wenn niemand nach der Produktivkraft, die bestreikt wird, verlangt? Als sich überraschend die Möglichkeit der Selbstverwaltung auftut, öffnen sich ganz neue Perspektiven. Doch die kräftezehrenden Gespräche über Macht, Entscheidungshoheit und Prioritäten finden kein Ende.

Die Vergangenheit des Filmemachers Pedro Pinho als Dokumentarist ist seinem dreistündigen Spielfilmdebüt deutlich anzumerken. Mit der Wahl des 16mm-Filmmaterials scheint der Regisseur zugleich an historische Dokumente des Streiks und der Revolte anzuschließen, an Filme wie Jacques Willemonts ikonische Kurzdokumentation „La reprise du travail aux usines Wonder“ (1968), auch das ein „Sprachfilm“. Im Modus der teilnehmenden Beobachtung protokolliert „A Fábrica de nada“ die Diskussionen der Arbeiter; ein anderer Erzählstrang zeigt eine Debattenrunde linker Intellektueller. An einer Stelle verlässt Pinho den fiktionalen Rahmen sogar ganz, indem er ähnlich wie Miguel Gomes in 1001 Nacht: Volume 1-3 die Handlung mit realen Interviews aufbricht. Akteure aus dem Ensemble erzählen: Vom Jobverlust in Zeiten der Krise, von ihrer Vergangenheit als Arbeiter, von fehlenden Zukunftsperspektiven.

Zé, ein junger Beschäftigter, der mit seiner brasilianischen Freundin und ihrem Kind zusammenlebt, konturiert sich hingegen als Spielfilmfigur. Man sieht ihn beim Sex, wie er sich auf der Bühne mit seiner Hardcore-Band verausgabt, mit seinem Vater, der für militantere Mittel plädiert. Das Handlungsmoment im Film ist aber eindeutig der Diskurs. Auch wenn das Projekt der Selbstverwaltung am Ende auf (systemimmanentem) wackeligem Grund steht – ein bärtiger Intellektueller führt einmal aus, dass eine selbstverwaltetete Fabrik immer noch ein Marktfaktor und damit Teil der kapitalistischen Logik sei – stellt das zum Handeln findende Reden und Debattieren einen ersten Akt der Selbstermächtigung dar. Die Diskursmaschinen laufen in Pinhos experimentellem Streik- und Diskussions-Epos auf Hochtouren.

Eine Kritik von Esther Buss