Reise nach Jerusalem – Regisseurin Lucia Chiarla stellt ihren Film heute persönlich bei uns vor

  Mittwoch, 27. Februar 2019 - 19:00 bis - 21:45

Eintritt: frei

Deutschland 2018 
Kinostart: 15. November 2018
118 Minuten
FSK: ab 6; f

Regie/Buch: Lucia Chiarla
Webseite von Lucia Chiarla
Kamera: Ralf Noack
Musik: Tobias Vethake
Schnitt: Aletta von Vietinghoff

Darsteller:
Eva Löbau (Alice) · Anna Bardorf (Fr. Krantz) · Beniamino Brogi (Luca) · Veronika Nowag-Jones (Mutter) · Yvonne Ernicke (Produkttesterin) · Sophie Roeder (Sophie) · Jan Henrik Stahlberg (Andreas Bauchlage) · Nils Schulz (Paul) · Ilka Willner (Erika)


Filmhomepage, Filmseite des Verleihs Filmperlen, alle Daten zum Film auf Filmportal.de

Kritiken:
Kritik von Jens Balkenborg  im Filmmagazin EPD (3 von 5 Sternen)
Kritik von Antje Wessels auf Programmkino.de
Kritik von Anna Steinbauer in der Süddeutschen Zeitung
Kritik von Cosima Lutz in der Welt
Kritik von Jenni Zylka im Tagesspiegel
Kritik von Katharina Böhm​ in der taz
Kritik von Dieter Osswald in der Badischen Zeitung

Kritik von Stefe auf Filmjournalisten.de
Kritik von Simone Ahrweiler auf fluter.de
Kritik von Harald Mühlbeyer auf Kino-Zeit.de
Kritik von Julia Haungs auf SWR2 (auch als Audio - 3 Minuten)
Kritik von Axel Timo Purr auf artechock
Kritik von Knut Elstermann auf mdr KULTUR
Kritik von Sidney Schering auf filmstarts.de
Kritik von Oliver Armknecht auf Film-Rezensionen.de
Kritik von Antje Wessels

 

Bericht von Carola Wittrock für ARD titel thesen temperamente (ttt)

Gespräch mit der Regisseurin Lucia Chiarla und mit der Hauptdarstellerin Eva Löbau und Wolfgang Hamdorf vom Filmdienst
Gespräch (Audiobeitrag - 10 Minuten) mit der Regisseurin Lucia Chiarla und Andreas Knaesche auf Kulturradio rbb
Gespräch mit Regisseurin Lucia Chiarla und Sören Brinkmann im Deutschlandfunk
Gespräch mit Regisseurin Lucia Chiarla und Jochen Kürten auf DW.com
  
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Kurzkritik Filmdienst: 
Eine arbeitslose Texterin hält sich in Berlin mit Sozialhilfe und schlechtbezahlten Jobs über Wasser. Ihre Versuche, sich selbstständig zu machen, scheitern allerdings ebenso wie alle Maßnahmen des Arbeitsamtes. Das beklemmende Drama zeichnet das Bild einer umfassenden Entfremdung in einer entsolidarisierten Gesellschaft, in der nach außen hin trotzdem die Fassade des Erfolgs und der optimistischen Zufriedenheit aufrechterhalten werden muss. Die außergewöhnliche Hauptdarstellerin „verkörpert“ das tägliche Scheitern im und am Alltag dabei ebenso schmerzhaft wie unsentimental.
Sehenswert ab 16 (4 von 5 Sternen)
Eine Kritik von Ulrich Kriest

Trailer (127 Sekunden):



Interview mit Regisseurin Lucia Chiarla (4 Minuten):


Interview vom Bundesverband Schauspiel
mit Lucia Chiarla und Eva Löbau (28 Minuten):


RBB-Rradioeins - Die Filmtipps vom 15.11.2018 (75 Sekunden):

ausführliche Kritik Filmdienst
Beklemmendes Drama über eine arbeitslose Texterin, die über Maßnahmen des Arbeitsamts wieder an eine Stelle gelangen will, aber nur die umfassende Entfremdung in einer entsolidarisierten Gesellschaft kennenlernt.

Alice, 39 Jahre alt, Single, war schon mal fest angestellt, doch aktuell schwärmt sie über die Freiheiten, die ihr die Arbeit als „freie Autorin“ im hippen Berlin lässt. In Wahrheit ist Alice arbeitslos und hält sich mit Sozialhilfe und lausigen Jobs in der Marktforschung über Wasser, die mit Tankgutscheinen bezahlt werden. Ab und zu muss sie bei der Agentur für Arbeit vorstellig werden, wo dann immer die nächsten sinnlosen Fortbildungsmaßnahmen drohen, die in aller Regel von zynischen, ihrerseits verbitterten Referenten exekutiert werden. Hauptsache, die Statistiken signalisieren annähernde Vollbeschäftigung. Besteht man dann auch noch auf seiner Menschenwürde, droht die Bestrafung in Gestalt einer Minderung der Beihilfe. Alice ist permanent unter Druck, obschon ihre Tage lang sind.

Die Filmemacherin Lucia Chiarla hat für ihr Spielfilmdebüt „Reise nach Jerusalem“ (Interview zum Film) Eva Löbau als Hauptdarstellerin gecastet, weil sie deren Performance in Maren Ades Fremdscham-Klassiker Der Wald vor lauter Bäumen so beeindruckt fand. Tatsächlich fällt einem keine andere deutsche Schauspielerin ein, die souveräner und schmerzhafter das tägliche Scheitern im und am Alltag in Szene setzen könnte als Löbau, da sie wider alle Empirie die Scheinexistenz von Freiheit und Enthusiasmus tatsächlich „verkörpern“ kann, ohne vorschnell Mitleid zu haschen.

„Reise nach Jerusalem“ zeichnet das Bild umfassender Entfremdung als Szenario eines sich allmählich, aber unerbittlich steigernden Elends, in dem es trotzdem fortwährend gilt, die Fassade des Erfolgs und der Zufriedenheit zu wahren. Wobei der Film erstaunlich offen lässt, inwieweit Alice ihre eigene Situation kritisch reflektiert oder inwieweit die Diskrepanz von Schein und Sein milieuspezifisch zu verallgemeinern ist. Das Prekariat wird kollektiv beschwiegen.

Giftige Kommentare an der Supermarkt-Kasse

Alices neuer Nachbar ist Künstler, aber auch Dienstleister, wenn bei einem Junggesellinnenabschied gerade mal ein Stripper gebraucht wird. Und an der Kasse im Supermarkt wird schon mal giftig kommentiert, wenn das Geld für den Einkauf nicht langt. Auch taugen Tankgutscheine nur bedingt als Zahlungsmittel, da sich in der Großstadt kaum noch jemand ein Fahrzeug leisten mag. Alices Eltern ahnen, dass mit der Existenz ihrer Tochter etwas nicht stimmt, investieren das ihr zugedachte Erbe aber dennoch lieber in ein Wohnmobil, um sich selbst einen lang gehegten Traum zu erfüllen.

So fügt sich ein Puzzleteil zum anderen und skizziert in einer vielleicht etwas zu offenkundig konstruierten Szenenfolge eine individualisierte und entsolidarisierte Gesellschaft, in der es zum guten Ton gehört, sich für den Arbeitsmarkt selbstoptimierend zuzurichten, obwohl die aufwändig geschönten Lebensläufe dann unter Umständen nur dazu führen, dass man für die wenigen angebotenen Jobs als „überqualifiziert“ gilt.

Fortwährend wird auf allen gesellschaftlichen Ebenen viel Arbeit in fiktive Narrative investiert: sei es beim Startup, sei es bei der Tupper-Party. Als Alice tatsächlich einmal zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wird, inszeniert der Film einen Teufelskreis aus Armut und körperlichen Gebrechen, Airbnb und Obdachlosigkeit, Fiktionalisierung und Fremdscham, so dass schließlich auch Alice passen muss. Sie lässt ihre Misere kurz hinter sich und findet in der Provinz die Möglichkeit, einmal „Reise nach Jerusalem“ als Gesellschaftsspiel und nicht als gesellschaftliche Realität zu erfahren. Und siehe da: Alice verfügt über hinreichend Erfahrung, um sich hier, im Abseits der Abgehängten, als Siegerin zu beweisen. Man gönnt es ihr von Herzen, wenngleich sich der Eindruck eines Happy Ends nicht einstellen mag.

Eine Kritik von Ulrich Kriest