Der Affront

  Dienstag, 18. Dezember 2018 - 19:30 bis - 21:20

Eintritt: 5,00 €

Originaler Titel: L' INSULTE

Libanon/Frankreich 2017
Kinostart: 25. Oktober 2018
109 Minuten
FSK: ab 12; f

Regie: Ziad Doueiri
Drehbuch: Ziad Doueiri, Joëlle Touma
Kamera: Tommaso Fiorilli
Musik: Éric Neveux
Schnitt: Dominique Marcombe

Darsteller: 
Kamel El Basha (Yasser Abdallah Salameh) · Adel Karam (Toni Hanna) · Camille Salameh (Wajdi Wehbe) · Diamand Bou Abboud (Nadine Wehbe) · Rita Hayek (Shirine Hanna) · Talal Jurdi (Talal) · Christine Choueiri (Manal Salameh) · Julia Kassar (Richterin Colette Mansour) · Rifaat Torbey (Samir Geagea) · Carlos Chahine (Richter Chahine)

Oscarnominierung: Bester fremdsprachiger Film
Venedig 2017: Bester Darsteller ("Coppa Volpi"), Kamel El Basha
Filmfest München: Bester Film
Friedenspreis des Deutschen Films – Die Brücke


Filmhomepage, Presseheft

Kritiken:
Kritik von Jens Balkenborg im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Michael Meyns und Dieter Oßwald auf Programmkino.de 
Kritik von Julia Bähr in der FAZ 
Kritik von Susan Vahabzadeh in der Süddeutschen Zeitung
Kritik von Andreas Busche im Tagesspiegel
Kritik von Frank Olbert in der Frankfurter Rundschau
Kritik von Anke Westphal in der Zeit
Kritik von Johannes Bluth im Spiegel
Kritik von Bianka Piringer auf Kino-Zeit.de 
Kritik von Oliver Armknecht auf Filmrezensionen.de
Kritik von Holger Heiland auf Kunst und Film
Kritik von Michael Pekler im Wiener Standard

Schulmaterial - Filmpädagogische Begleitmaterialien:
Schulheft, Kinofenster

  
Kurzkritik Filmdienst 
Ein libanesischer Christ und ein palästinensischer Vorarbeiter geraten in Beirut in einen Streit, der sich wechselseitig hochschaukelt, vor Gericht landet und Anlass zu bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen zwischen den beiden Volksgruppen wird. Hinter dem Starrsinn und der Unversöhnlichkeit der Kontrahenten, die von politischen Scharfmachern zusätzlich angeheizt wird, treten individuelle wie kollektive Traumata aus dem Bürgerkrieg (1975-1990) zutage. Der parabelhafte Film, der über weite Strecken im Gerichtssaal spielt, ist so wendungsreich wie spannend. Überdies bleibt er nicht bei den Rissen innerhalb der libanesischen Gesellschaft stehen, sondern deutet Wege an, wie sich die schwelenden Konflikte in einen rationalen Diskurs einbinden lassen.
Sehenswert ab 16.
Felicitas Kleiner
 

Trailer (101 Sekunden):


ausführliche Kritik Filmdienst  
Als das Auto von Yasser Salameh nicht anspringen will, kommt ihm der Automechaniker Toni Hanna zu Hilfe und bringt den Wagen mit einigen souveränen Handgriffen wieder zum Laufen. Keine große Sache, doch im Kontext von „Der Affront“ ist das eine Szene, bei der man nicht recht weiß, ob man darüber lachen oder weinen soll. Denn sie führt vor Augen, wie leicht alles sein könnte, wenn es nicht so furchtbar kompliziert wäre. Ein kleiner Defekt an einem Auto reicht aus, damit der libanesische Christ Toni den etwas älteren Yasser wenigstens für einen Moment nicht so behandelt wie den Palästinenser, den er aus Prinzip verabscheut, sondern wie einen normalen Menschen. Leider kommt dieser Moment zu spät: Der Konflikt zwischen Toni und Yasser hat sich zu diesem Zeitpunkt schon zu einem Gerichtsprozess und einer landesweiten Krise aufgeplustert.
Der Auslöser für diesen Konflikt ist so banal, dass einem von Anfang an schwant, dass er gar nicht der wirkliche Grund ist. Toni Hanna schüttet von seinem Balkon – mit voller Absicht – Schmutzwasser auf den Vorarbeiter Yasser, der gerade mit seinem Bau-Team Sanierungsarbeiten in dem Stadtviertel von Beirut vornimmt, in dem Toni lebt. Er hat Yasser an seiner Sprachfärbung als palästinensischen Flüchtling erkannt. Das ist für Toni Grund genug, ihn zu hassen. Yasser versucht zunächst, mit Toni zu reden und umsichtig zu reagieren; als Toni dies jedoch rüde abblockt, wirft er ihm ein wütendes „Scheißkerl“ an den Kopf. Toni beschwert sich deswegen bei Yassers Vorgesetztem, verlangt eine Entschuldigung und droht mit einer Anklage. Damit ist die erste Eskalationsstufe erreicht.
Einen Schritt weiter geht es, als Yasser sich zu einer Entschuldigung durchringen will, von Toni aber mit den Worten „Scharon hätte euch alle eliminieren sollen“ empfangen wird, worauf er Toni einen heftigen Faustschlag versetzt, der ihm zwei Rippen bricht. So landet die Sache vor Gericht und wird durch Tonis Hartnäckigkeit und das Eingreifen eines christlich-falangistischen Staranwalts, der Toni kostenlos vertritt, zum medienwirksamen Skandal, der Aufruhr und Proteste sowohl von Parteigängern Tonis als auch unter den Unterstützern der Palästinenser provoziert und weitere gewaltsame Ausschreitungen nach sich zieht.
„So fangen Kriege an!“, sagt Tonis Vater einmal tadelnd zu seinem Sohn, nachdem dieser Yasser bis aufs Blut gereizt hat. Der Film von Ziad Doueiri zeigt meisterlich, wie das funktioniert: Wie aus verbalisierten Ressentiments und Vorurteilen Brandsätze werden, die gesellschaftliche Konflikte entzünden und schlussendlich in Gewalt eskalieren, womit der Film auch über die Grenzen hinausweist. Doueiri wurde im Libanon geboren, hat sein Handwerk aber in den USA gelernt, unter anderem als Kameraassistent bei Quentin Tarantino; mittlerweile lebt er in Frankreich und hat sich als Regisseur der Serie „Baron noir“ einen Namen gemacht. Während er in der Serie die Machtzirkel der politischen Elite porträtiert, geht es in „Der Affront“ um Turbulenzen an der Basis und wie daraus unter bestimmten Voraussetzungen und mit Hilfe bestimmter Katalysatoren, etwa Tonis gewieftem Anwalt, ein Politikum wird.

Nicht zuletzt ist „Der Affront“ aber eine Auseinandersetzung mit Doueiris eigenen Wurzeln und der Erfahrung seiner Generation. Der Regisseur, Jahrgang 1963, hat den Bürgerkrieg im Libanon (1975-1990) miterlebt und ist vor dessen Auswirkungen als Jugendlicher in die USA geflohen. Die Schrecken dieses Krieges und seines größeren Kontextes, des Nahostkonflikts, entpuppt sich im Laufe des Gerichtsprozesses als Kern der explosiven Gemengelage. Was sowohl Toni als auch Yasser im tiefsten Inneren antreibt, sind nicht die aktuellen Beleidigungen, sondern Verletzungen und Traumata, die in die 1970er-Jahre zurückreichen und einst unter den Tisch gekehrt wurden – in der libanesischen Generalamnestie des Jahres 1991, die dafür sorgte, dass sämtliche während des Bürgerkriegs verübten Menschenrechtsverletzungen ungesühnt blieben. Doueiri hat dies in einem Interview als „Generalamnesie“ bezeichnet, deren langnachhallende gesellschaftliche Folgen er in dem „Courtroom“-Drama beispielhaft analysiert.
So parabelhaft-konstruiert der darin geschilderte Fall auch sein mag, so gut gelingt es dem Regisseur, ihn ungemein spannend und wendungsreich aufzubauen. Die Protagonisten werden dabei nie zu Stellvertretern bestimmter Ethnien und politischer Haltungen verkürzt, sondern sind als Individuen glaubhaft gestaltet, wozu die Darsteller viel beitragen. Adel Karam als Toni und Kamel El Basha schaffen es, dass man an ihren Figuren trotz des zunächst unverständlichen Verhaltens Anteil nimmt. Das Drehbuch unterstützt dies, indem es die Konkurrenten nicht auf den Konflikt reduziert, sondern ihnen durch das Arbeitsumfeld oder durch die Beziehung zu ihren Ehefrauen Kontur verleiht.
So bitter diese Geschichte über die inneren Risse der libanesischen Gesellschaft auch ist, setzt der Film doch auch Signale der Hoffnung: durch Figuren, die versuchen, sich dem eskalierenden Hass entgegenzustellen, wie Yassers Arbeitgeber oder Tonis schwangere Frau, die sich beide verzweifelt um eine friedliche Lösung bemühen, oder die junge Anwältin, die Yasser im Prozess beispringt und endlich auch die Wunden der Vergangenheit zur Sprache bringt. Ansätze, die schwelenden Emotionen in einen rationalen Diskurs einzubinden, der Brücken über die alten Gräben baut.

Felicitas Kleiner