Glücklich wie Lazzaro (geplant) - 13. September

  Sonnabend, 29. Dezember 2018 - 19:30 bis - 21:15
Kategorien: Italien, Piffl, geplant
Treffer: 135

Eintritt: 5,00 €

Italien 2018 - Originaltitel: Lazzaro felice
Kinostart: 13. September 2018
127 Minuten
FSK: ab 12; f
FBW: Prädikat besonders wertvoll

Regie/Drehbuch: Alice Rohrwacher
Kamera: Hélène Louvart
Musik:
Schnitt: Nelly Quettier

Darsteller: Nicoletta Braschi, Adriano TardioliAlba Rohrwacher

Filmhomepage, Pressespiegel, Wikipedia, Perlentaucher

Kritiken:
Kritik von Patrick Seyboth im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Luitgard Koch auf Programmkino.de
Kritik von Bert Rebhandl in der FAZ
Kritik von Hannah Pilarczyk im Spiegel
Kritik von Hans-Georg Rodek in der Welt
Kritik von Daniel Kothenschulte in der Frankfurter Rundschau
Kritik von Döhrte Grömes auf der Webseite Kunst und Film 
Kritik von Philipp Stadelmaier in der Süddeutschen Zeitung
Kritik von Andreas Busche im Tagesspiegel 
Kritik von Wolfgang Nierlin in der Filmgazette
Kritik von Susanne Ostwald in der Neuen Züricher Zeitung
Kritik von Rüdiger Suchsland auf artechock
Kritik von Joachim Kurz auf Kino-Zeit.de

Interview mit Alice Rohrwacher in der taz
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Kurzkritik Filmdienst
Auf einem abgeschiedenen Stückchen Land schuften ein paar Dutzend Bauern und Landarbeiter in sklavenähnlichen Verhältnissen unter der Herrschaft einer Marquesa. Einer von ihnen ist der junge Lazzaro, der nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint; mit seiner bedingungslosen Hingabe, die keine Gegenleistung verlangt, durchbricht er die Ausbeutungskette. Mit einer berückenden Verbindung aus Sozialdrama, magischem Realismus, Märchen, Arbeiterfilm und Heiligengeschichte erzählt der Film eine Parabel über die Möglichkeit des Guten in einem zeitlosen, aber keineswegs wirklichkeitsfernen Italien, das sich von der Agrargesellschaft bis in die urbane Gegenwart spannt.
Sehenswert ab 14.

Trailer (99 Sekunden):



Filmtipp von rbb Radia eins - ab Minute 2,50 (102 Sekunden):

BR kinokino (74 Sekunden):

ausführliche Kritik Filmdienst
Der Film hat noch gar nicht angefangen, da ruft es schon aus dem grillenzirpenden Schwarzbild hinaus: „Lazzaro!“ Man wird diesen Ruf in „Glücklich wie Lazzaro“ noch oft vernehmen, in den verschiedensten Klangfarben – laut, flüsternd, bittend, befehlend, ungeduldig, und immer mit einem Auftrag, einer konkreten Anweisung verbunden: Lazzaro tu dies, Lazzaro tu jenes. Bring die Kisten rein, trag die Großmutter ins Bett, fang das Huhn und bring es in den Hühnerstall, halt nach dem Wolf Ausschau, nimm die Tabakpflanzen ab, mach Kaffee. Lazzaro tut also dies und jenes und er wirkt dabei nicht mal unglücklich. Bei jedem anderen Menschen würde man sagen: er ist selbstlos, er ist gutmütig. Doch der junge Mann mit dem entrückten Blick scheint mehr als das zu sein – wie nicht ganz von dieser Welt. „Lazzaro, bist du verzaubert oder was?“, wird er einmal gefragt, als es wieder nicht schnell genug gehen kann. Doch wo die Arbeit hart ist und endlos, stellt eine Eigenschaft wie „verzaubert sein“ natürlich keinen Wert dar. Lieber hält man Lazzaro, der mit der biblischen Gestalt mehr als nur den Namen teilt, für den dummen Tor, der er eben auch ist. Einer, der nicht nachfragt und sich bereitwillig ausbeuten lässt. Nach „Corpo Celeste“  und „Land der Wunder“ hat Alice Rohrwacher ein kleines Wunder von einem Film gedreht. Mit einer ganz für sich stehenden Verbindung aus Sozialdrama, magischem Realismus und Märchen, Arbeiterfilm und Heiligengeschichte erzählt die italienische Filmemacherin über die Möglichkeit des Guten in einem zeitlosen, aber gleichzeitig lebensnahen Italien. Der Rahmen spannt sich dabei von der Agrargesellschaft bis in die urbane Gegenwart. Zusammen mit einer unübersichtlichen Schar von Männern, Frauen und Kindern, insgesamt 54 an der Zahl, so wird man später erfahren, rackert Lazzaro auf einem von der Außenwelt abgeschnittenen Landgut namens „Inviolata“. Dessen Besitzerin ist die „Zigarettenkönigin“ Marquesa Alfonsina de Luna, die ihre Arbeiter in einer undurchsichtigen Form von Leibeigenschaft hält. Trotz endloser Schufterei häufen sich die Schulden der Bauern immer weiter an. Ihre Behausung ist ärmlich, man teilt sich das Bett und eine einzige Glühbirne – „ihr habt doch das schöne Mondlicht“, sagt der Gutsverwalter, der den Arbeitern ihre Verhältnisse schönredet, bevor er ungerührt abkassiert: „Ihr seid eigentlich die Reichen. In der Stadt sind die Aromen verschmutzt und verfälscht.“ Die Zeitlichkeit der Geschichte wird in einem schwer zu entziffernden Dazwischen gehalten. Während man sich anfangs noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts glaubt, gibt es bald Anzeichen auf eine eher jüngere Vergangenheit: ein Moped, ein Walkman, die blondierte 1990er-Jahre-Frisur des so verwöhnten wie rebellischen Sohns der Marquesa, mit dem Lazzaro eine ungleiche Freundschaft eingeht, ein Mobiltelefon. Dass die Halbpacht in Italien 1982 (!) abgeschafft wurde, erfährt man schließlich, als die durch einen Fluss abgetrennte Enklave von der Außenwelt entdeckt wird. Unter der Überschrift „Der große Betrug“ berichtet eine Zeitung darüber. Noch Jahre später können die ehemaligen Arbeiter von „Inviolata“ jede Zeile des Artikels auswendig heruntersagen. Nach dem ersten Teil begibt sich der Film auf eine Reise durch die Zeit, mitten hinein in die Gegenwart. Dem von Fortschritt und Geschichte unberührten Lazzaro folgt er vom staubigen, erdfarbenen Land in den gräulich-fahlen Schmutz der Großstadt. Und so wie man zuvor mit seinen verwunderten, nicht verstehen könnenden Augen die Ausbeutung der Landarbeiter beobachtet hat, so blickt man mit ihm nun offenen Blicks in die Abgründe des Lohndumping-Kapitalismus. Irgendwo an der städtischen Peripherie verdingen sich migrantische Arbeiter als Tagelöhner zur Olivenernte und Unkrautvertilgung: für 1 Euro – „so findet man Arbeit“. Wie vom Himmel gefallen stößt Lazzaro zu ein paar Übriggebliebenen aus „Inviolata“, die an einer Güterzugtrasse in einem umgebauten Silo hausen. Bescheidene Geschäfte und kleine Betrügereien sichern notdürftig die Existenz. Ihr Leben ließe sich noch immer mit „Der große Betrug“ überschreiben. Ähnlich dem Titelheld ist auch „Glücklich wie Lazzaro“ wie nicht ganz von dieser Welt und hat doch mehr mit ihr zu tun als vieles, was sich Wirklichkeitsbeschreibung nennt. Im Nachwirken von Pasolinis „Kino der Poesie“ nähert sich Rohrwacher den gesellschaftlichen Themen: Migration und Landflucht, dem Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Die Transzendenz des Films ist mit kargen Mitteln dahingezaubert. Die ungeschliffenen 16mm-Bilder der Kamerafrau Hélène Louvart lassen Staub und Hitze körperlich spürbar werden, ihre weiche, lebendige Textur hat eine fast schon animistische Qualität. Manchmal gibt es kurze Tonaussetzer, als huschten geisterhafte Erscheinungen durch die filmische Wirklichkeit und hielten sie für einen Moment lang an. „Spirituelles“ Zentrum ist jedoch das von dunklen Locken gerahmte Gesicht des Hauptdarstellers Adriano Tardiolo, das sich irgendwo zwischen Renaissancegemälde und Heiligenkitschbildchen bewegt. Sein Lazzaro ist aber nicht nur „zu schön, um wahr zu sein“. Er steht auch für eine politische Utopie. Denn seine bedingungslose Hingabe durchbricht die Logik des Marktes, die auf Tausch basiert. Sie verlangt nichts.
Esther Buss