Gundermann

  Dienstag, 13. November 2018 - 19:15 bis - 21:25
Kategorien: Biopic, Musikfilm, Pandora
Treffer: 114

Eintritt: 5,00 €

Deutschland 2018
Kinostart: 23. August 2018
128 Minuten
FSK: ab 0; f

Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Laila Stieler
Kamera: Andreas Höfer 
Musik: Jens Quandt 
Schnitt: Jörg Hauschild 

Gilde-Filmpreis 2018: Programmkinobetreiber zeichnen GUNDERMANN als besten Film aus
Kinotipp der Katholischen Filmkommission

Darsteller:
Alexander Scheer   (Gerhard Gundermann) · Anna Unterberger (Conny Gundermann) · Benjamin Kramme (Wenni) · Eva Weißenborn (Helga) · Kathrin Angerer (Irene) · Georg Arms (Gundermann mit 10) · Andrea Brose (Krankenschwester Hoyerswerda) · Hilmar Eichhorn (Werner Walde) · Peter Schneider (Helmut) · Thorsten Merten (Puppenspieler) · Milan Peschel (Volker) · Axel Prahl (Führungsoffizier) · Bjarne Mädel (Parteisekretär) · Peter Sodann  (Veteran)

Filmhomepage, Wikipedia, alle Daten zum Film auf Filmportal.de

Kritiken:
Kritik von Anke Sterneborg im Filmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Antje Wessels auf Programmkino.de
Kritik von Günter Platzdasch in der FAZ
Kritik von Daniel Kothenschulte in der Frankfurter Rundschau
Kritik von Annett Scheffel in der Süddeutschen Zeitung
Kritik von Döhrte Grömes auf der Webseite Kunst und Film 
Kritik von Kerstin Decker im Tagesspiegel
Kritik von Jenni Zylka in der taz
Kritik von Christoph Dieckmann in der Zeit 
Kritik von Matthias Dell im Spiegel
Kritik von  Michael Pilz in der Welt
Kritik von Simon Hauck auf Kino-Zeit.de
Kritik von Rüdiger Suchsland auf artechock
Kritik von Axel Tim Purr auf artechock
Kritik von Christina Tilmann in der Neuen Züricher Zeitung 
Kritik von Ronald Pohl im Wiener Standard

ZDF-Mediathek - Aspekte: Andreas Dresen über Gundi Gundermann

Interview mit Regisseur Andreas Dresen in EPD-Film  
Interview mit Regisseur Andreas Dresen in der taz
Interview mit Regisseur Andreas Dresen in der Berliner Zeitung
Interview mit Regisseur Andreas Dresen in Deutschlandfunkkultur 

schulpädagogisches Material zum Film:
Kinofenster, Filmtipp von Vision Kino 
  
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Kurzkritik Filmdienst
Biografischer Film über das kurze und intensive Leben des Baggerfahrers und Liedermachers Gerhard „Gundi“ Gundermann (1955-1998), der in seiner filmisch-musikalischen Form die charakterliche Komplexität des Künstlers ebenso vermittelt wie die Widersprüchlichkeit des Lebens in der DDR. Die achronologische, mitunter auch assoziative Dramaturgie will über den eigensinnigen Freigeist nicht urteilen, sondern sich von seiner inneren Zerrissenheit berühren lassen. Eine aus Alltagsbeobachtungen entwickelte, in der Hauptrolle kongenial interpretierte Annäherung an einen vielschichtigen Menschen in einem untergegangenen Land.
Sehenswert ab 14.  
Silvia Bahl

Trailer (105 Sekunden):



Die Filmshow mit Pfarrer Christian Engels (5 Minuten):

ausführliche Kritik Filmdienst   

Ein Schaufelradbagger gräbt sich durch die Marslandschaft des Lausitzer Braunkohlereviers, irgendwo zwischen Dresden und Cottbus. Sein Fahrer spricht fragmentarische Sätze auf ein mobiles Tonbandgerät, während er im Führerhaus wie in einer Weltraumkapsel bei der Arbeit sitzt. Es sind Worte, die später zu Liedern werden, wenn Gerhard „Gundi“ Gundermann nach Feierabend auf der Bühne steht und mit Ton und Text direkt ins Herz seiner Zuhörer trifft.

Andreas Dresen hat für die kurze und intensive Lebensgeschichte des ostdeutschen Künstlers (1955-1998) gemeinsam mit seiner langjährigen Autorin Laila Stieler eine filmische und musikalische Form gefunden, die die Komplexität seines Charakters ebenso vermittelt wie die Widersprüchlichkeit des Lebens in der DDR. Sie graben sich, einem Bagger nicht unähnlich, achronologisch durch die Zeitschichten und fördern zu Tage, was Gundermann offensichtlich lange vor sich selbst verleugnete: Seine Arbeit als IM für die Stasi von 1976-82 unter dem Decknamen Grigori, zu der er sich 1995 schließlich bekannte. Dass ausgerechnet der eigensinnige Freigeist „Gundi“ so umfangreich als Spitzel für ein totalitäres System gearbeitet hat, überraschte und ließ so manche Weggefährten unversöhnlich zurück.

Doch Dresen und Stieler nähern sich Gundermann als Figur, ohne zu urteilen oder zu idealisieren, eher mit dem Wunsch, sich von seinen inneren Zerrissenheiten berühren zu lassen. Die Besetzung mit Alexander Scheer ist dabei ein absoluter Glücksfall. Schon in den ersten Minuten, in denen Scheer fahrig und jungenhaft in die Kamera blickt und um Worte ringt, zeigt er eine Präsenz auf der Leinwand, die durch sein Gesangstalent noch gesteigert wird. Trotz stimmlicher Differenz ist die energetische Übereinstimmung mit Gundermann deutlich zu spüren, dessen erstaunliche Fähigkeit, mit erdiger Poesie tiefe Erschütterungen bei den Zuhörern zu hinterlassen. Zwischen anarchischem Trotz und tiefer Melancholie erzählen Gundermanns Lieder von den Erfahrungen einfacher Leute, vom Tagebau und von politischen Utopien. „Ich habe auf’s richtige Pferd gesetzt, aber es hat nicht gewonnen“, hört man ihn sagen.

Als überzeugtes SED-Mitglied kämpfte er für den Sozialismus, blieb sein Leben lang ein überzeugter Arbeiter und wollte trotz seiner Karriere als Musiker von seiner Hände Arbeit leben. Dennoch geriet er in eine seltsame Verstrickung mit dem System. Gundermann flog wegen „prinzipieller Eigenwilligkeit“ aus der Offiziershochschule und der Partei; immer wieder eckte er durch seine Direktheit an. Genau diesem Eigensinn widmet sich der Film und zeigt Gundermann als Fragenden und Suchenden, als Narr und Rebell, als einen ebenso anstrengenden wie sympathischen Zeitgenossen, aus dem man nicht schlau wird, der einen aber auch nicht loslässt. Denn so viel wird klar: Seine Stasi-Episode lässt sich nicht einfach als Kalkül in einem Doppelleben verstehen, sie ist Ausdruck eines viel tiefer liegenden Widerspruchs, nicht nur individuell sondern auch gesellschaftlich.

Dresen und Stieler lösen diesen nicht auf, geben jedoch einen Hinweis, wenn sie auf die Frage nach dem „Warum hast du das getan?“ eine Szene folgen lassen, in der Gundermann das zutiefst traurige Lied „Vater“ anstimmt. Zwischen Sehnsucht und Wut kommt darin ein Verhältnis zum Ausdruck, das viele seiner Generation teilten: die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus der Vatergeneration und ihre Folgen. Der frühe Bruch zwischen Gundermann und seinem Vater bleibt als seismographische Erschütterung in seinem ganzen Leben präsent. Sie mag bei seiner Unterwerfung unter die Stasi eine Rolle gespielt haben, als Sehnsucht nach Anerkennung, die selbst verleugnet bleiben muss. Im Film ist sie ebenso ein Angelpunkt wie Gundermanns Werben um seine spätere Frau Conny, die lange mit einem Bandkollegen zusammen war, mit dem sie auch zwei Kinder hatte. In der rückwärts erzählten Beziehungsgeschichte der beiden ist der Konflikt mit dem Dritten augenfällig. Gundermann zieht sie schließlich in eine Affäre, doch ihr Mann weicht dem Konflikt aus, gibt ihm nicht die Konfrontation, die er gesucht hat. Als er später mit Conny selbst Vater wird, stellt er die Musik zwischen sich und die Familie; neben der Freude über seine Tochter Linda spürt man eine ebenso große Angst, die familiäre Rolle zu besetzen.

In diesem Spannungsfeld einer doppelten Identitätssuche entwickelt der Film durch seine oft assoziative Erzählweise einen Fluss, der sich an der Logik des Gedächtnisses selbst orientiert, subjektiv und szenisch funktioniert. In einer Bewegung aus dem Alltag heraus, die für die Filme von Andreas Dresen so typisch ist, wird Gundermanns Geschichte nie zu einer biografischen Schablone, sondern bleibt eine kunstvolle und berührende Annäherung an einen vielschichtigen Menschen in einem untergegangenen Land. Auch musikalisch setzt der Film mit der Band von Gisbert zu Knyphausen, die Scheer bei seiner eindringlichen Performance unterstützt, nicht auf eine bloße Nachstellung der Vergangenheit, sondern auf eine überlegte Interpretation, die dem viel zu früh verstorbenen Gundermann hoffentlich ein neues Publikum erschließt.
Silvia Bahl