Wackersdorf

  Freitag, 30. November 2018 - 20:30 bis - 22:40
Treffer: 301

FAZ-Videokritik von Kathleen Hildebrand 

 

Eintritt: 5,00 €

Deutschland 2018
Kinostart: 20. September 2018
122 Minuten
FSK: ab 6; f

Regie: Oliver Haffner
Drehbuch: Gernot Krää, Oliver Haffner
Kamera: Kaspar Kaven
Musik: Hochzeitskapelle 
Schnitt: Anja Pohl

Darsteller: Johannes Zeiler (Hans Schuierer), Anna Maria Sturm (Monika Gegenfurtner), Peter Jordan (Claus Bössenecker) · Florian Brückner (Vollmann)  Andreas Bittl (Karl Gegenfurtner) · Fabian Hinrichs (Karlheinz Billinger) · Johannes Herrschmann (Josef Pirner) · Frederic Linkemann (Staatssekretär) · Ines Honsel (Lilo Schuierer) · Sigi Zimmerschied (Umweltminister) · August Zirner (Innenminister) · Marlene Morreis (Frau Knapp) 


Filmhomepage, Wikipedia, alle Daten zum Film auf Filmportal.de

Kritiken:
Kritik von Alexandra Seitz im Filmagazin EPD (5 von 5 Sternen)
Kritik von Antje Wessels auf Programmkino.de
Kritik von Katrin Hillgruber Tagesspiegel
Kritik von Döhrte Grömes auf der Webseite Kunst und Film 
Kritik von Elke Eckert in der taz
Kritik von Daniel Sander im Spiegel
Kritik von Verena Schmöller auf Kino-Zeit.de
Kritik in afze im Wiener Standard
  
Interview mit Regisseur Oliver Haffner in der Welt.

Schule/Unterrichtsmaterial/Filmpädagogische Begleitmaterialien:
Vision KinoKinofenster


Kurzkritik Filmdienst

Anfang der 1980er-Jahre plant die Bayerische Staatsregierung eine atomare Wiederaufbereitungsanlage in der Oberpfalz. Doch der Landrat von Schwandorf schließt sich nach anfänglicher Begeisterung den Atomgegnern an und setzt sich an die Spitze des ländlichen Widerstandes. Der vielschichtige Film widmet dem oberpfälzer Volkshelden ein differenziertes Porträt, das durch leise Komik, eine sorgsame Ausstattung und wunderbare Schauspieler besticht. Als Beispiel für eine streitbare Zivilgesellschaft, in der sich Engagement, Idealismus und Haltung auszahlen, ist das nuancierte Zeitbild über die 1980er-Jahre auch an die Gegenwart adressiert.
Ab 14.
Julia Teichmann

 

Trailer (112 Sekunden):


ausführliche Kritik Filmdienst
In der Oberpfalz gebe es auch gute Weißwürste, wagt der sozialdemokratische Landrat schüchtern einzuwenden. Der Staatsminister von der CSU hat aus München welche mitgebracht und lobt deren „strenge“ Rezeptur: Im Sud schwimme dann auch immer ein bisschen Petersilie. Das seien eben „die feinen Unterschiede“. Aber hat nicht der oberpfälzer Wirt den Sud zubereitet? Diese sehr komische Szene ziemlich zu Beginn von „Wackersdorf“ beschreibt subtil das Kräfteverhältnis zwischen strukturschwacher Region, dem Landkreis Schwandorf, und der im wirtschaftsverwöhnten Oberbayern residierenden Landesregierung. Die Szene spielt im Jahr 1981; der Staatsminister will dem Landrat eine Wiederaufbereitungsanlage für ausgediente Brennstäbe und Atomabfall schmackhaft machen. Der Landrat ist von der „WAA Wackersdorf“ zunächst begeistert. Mehr als 3000 Arbeitsplätze für die Region würden Aufschwung bedeuten, eine Zukunft für viele ehemalige Bergarbeiter. Der Landrat heißt Hans Schuierer, es gibt ihn wirklich. Der gelernte Maurer und Wegemacher änderte seine Haltung, nachdem er viel über Kernenergie gelesen, mit Kritikern gesprochen und sich kundig gemacht hatte. Er wurde zu einer der führenden Figuren des Widerstands gegen die Wiederaufbereitung. „Wackersdorf“ von Oliver Haffner stellt Schuierer ins Zentrum. Es ist ein biografischer Film über den oberpfälzischen Volkshelden, ein neuer Heimatfilm und ein historischer Film. Ob der Film auf dem Festival für den neuen Heimatfilm laufen würde, der Biennale Bavaria, die ab 2019 stattfinden soll und für die der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hohe Förderungen zugesagt hat, ist aber fraglich. Denn „Wackersdorf“ legt den Finger in die Wunde, er ist brandaktuell und kommt derart zur richtigen Zeit. Denn die Rhetorik des damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, die „Wackersdorf“ in dokumentarischen Szenen sehr sinnfällig einbindet, erinnert allzu sehr an Zitate und Aktionen von CSU-Politikern aus jüngster Zeit. Wenn Strauß von dem „Funken Anstand“ spricht, den die Gegner nicht im Leib hätten, weil sie sonst „das Maul halten“ würden, oder wenn Demonstranten, im wesentlichen Familien mit kleinen Kindern und Rentner, also die Mitte der Gesellschaft, als „Chaoten“ verunglimpft werden, klingen einem aktuelle CSU-Kampagnen im Ohr, in denen den Teilnehmern einer Großdemonstration gegen die Politik der Staatsregierung vorab ebenfalls der „politische Anstand“ abgesprochen wurde; der Münchner CSU-Vorsitzende Ludwig Spaenle höhnte über die etwa 30.000 Teilnehmer, Familien, kleine Kinder und Rentner, als „verirrte Blumenkinder“. Das Polizeiaufgabengesetz in Bayern, die Flüchtlingspolitik und das Gebaren der CSU in Berlin legen nahe, dass es um die freiheitlichen Grundrechte in Bayern nicht zum Besten bestellt ist. „Hier entscheidet sich die Zukunft eines demokratischen Bayerns“, sagt Schuierer in „Wackersdorf“ einmal. Der Film ist ein eindringlicher Appell, sich zu wehren, für Demokratie und Freiheit zu kämpfen. Der Film erzählt davon, dass Engagement, eine politische Haltung und Idealismus durchaus Erfolg haben kann. Die Schauspieler, allen voran Johannes Zeiler als Landrat Hans Schuierer und die in Schwandorf aufgewachsene Anna Maria Sturm als Schuierers anfängliche Antagonistin Monika Gegenfurtner, agieren toll und sprechen dabei auch Dialekt. Hervorzuheben ist auch Fabian Hinrichs als schmieriger Lobbyist. „Wackersdorf“ ist liebevoll ausgestattet; die Kostüme stimmen bis ins Detail und verschmelzen geradezu mit den dokumentarischen Aufnahmen aus der Zeit. Der Blick fürs Detail, ein Sinn für leise Komik und die zeitlose schöne Blasmusik der Münchner Band Hochzeitskapelle fallen besonders auf. Die Inszenierung besticht durch eine vielschichtige Figurenzeichnung und Landschaftsaufnahmen von fast künstlicher Schönheit in entsättigten Farben. Die zurückgenommene Inszenierung entwirft so ein überzeugendes Erinnerungsbild der 1980er-Jahre. Der Staatsminister (eine Rolle, die dem Kabarettisten Sigi Zimmerschied auf den Leib geschrieben ist) zuzelt seine Weißwurst, während der Landrat seine mit Messer und Gabel isst, mit einem deutlichen Anflug von Verachtung beobachtet von seinem Gegenüber. „Wackersdorf“ ist ein großartiger politischer, ebenso kluger wie unterhaltsamer Film. Absolut sehenswert, sozusagen Staatsbürgerpflicht. Für „Chaoten“, „verirrte Blumenkinder“ und solche, die es werden wollen. Wenigstens in Bayern. Und in Sachsen sowieso.
Julia Teichmann