Sympathisanten - Unser Deutscher Herbst (geplant)

  Sonntag, 27. Dezember 3018 - 19:30 bis - 21:15
Treffer: 140

Eintritt: 5,00 €

Deutschland 2017
Kinostart:  24. Mai 2018
110 Minuten
FSK: ab 0; f

Regie/Buch: Felix Moeller  (der Sohn von Margarethe von Trotta)
Kamera: 
Musik: 
Schnitt: 

Mitwirkung:
Margarethe von Trotta     Volker Schlöndorff     Peter Schneider     René Böll     Marius Müller-Westernhagen     Daniel Cohn-Bendit     Karl-Heinz Dellwo     Christof Wackernagel

Filmhomepage, alle Daten zum Film auf Filmportal.de

Pädagogisches Material zum Film auf Kinofenster.de

Kritiken:
Kritik von Georg Seeßlen im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Rüdiger Suchsland auf artechock
Kritik von Michael Meyns auf Programmkino.de
Kritik von Harry Nutt in der Frankfurter Rundschau
Kritik von Simon Hauck auf Kino-Zeit.de

Interview mit Felix Moller im Tagesspiegel 
  
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Kurzkritik Filmdienst
Dokumentarische Aufarbeitung der politisch aufgeheizten Stimmung im Deutschland der 1970er-Jahre, als kritische Intellektuelle aufgrund ihrer politischen Haltung vielfach als „Sympathisanten“ des Linksterrorismus diffamiert wurden. Der Regisseur und Historiker Felix Moeller nähert sich dem Zeitphänomen aus einer persönlichen Perspektive an, die sich irritierend immer wieder in den Vordergrund schiebt und nicht viel mehr als Larmoyanz und Lakonie erzeugt. Daneben kommen die durchaus erhellenden Momente und aktuellen Bezüge, die sich aus dem Archivmaterial und den Aussagen von Zeitzeugen ergeben, nicht recht zum Tragen.
Ulrich Kriest

Trailer (122 Sekunden):


ausführliche Kritik Filmdienst

Der Filmemacher Felix Moeller („Verbotene Filme“) ist auch promovierter Zeithistoriker und weiß folglich um das sensible Problem der Verspätung. Will der Zeithistoriker ein komplexes Thema vertiefen, sollte er sich sputen, die Zeitzeugen zu konsultieren, bevor diese nicht mehr zu befragen sind.

In seinem neuesten Film geht es Moeller um ein Thema, das eng mit der eigenen Familiengeschichte und mit der inneren Mobilmachung der Bundesrepublik Deutschland in den 1970er-Jahren als Reaktion auf den bewaffneten Kampf der RAF und anderer militanter Gruppen zusammenhängt. Es geht um die so genannten Sympathisanten, die seitens der rechten Presse, einschlägiger Politiker wie Franz Josef Strauß oder Alfred Dregger und staatlicher Stellen in der Krise ab circa 1970 diffamierend bezichtigt wurden, dem Terror durch Wort und Schrift, durch Sympathie und Verständnis unterstützend und legitimierend zur Seite gestanden zu haben und folglich zur Verantwortung zu ziehen seien. Die Folge war die Einschüchterung kritischer Intellektueller wie der Schriftsteller Heinrich Böll, Luise Rinser und Erich Fried, Theologen wie Helmut Gollwitzer und Heinrich Albertz, Hochschullehrer wie Peter Brückner sowie die systematische Abschaffung demokratischer Grundrechte, mithin die Infragestellung der Rechtstaatlichkeit. Eine populäre Forderung der Zeit lautete, man müsse alles daransetzen, den Sympathisantensumpf auszutrocknen.

Felix Moeller, Jahrgang 1965, nähert sich dem Thema gewissermaßen privilegiert aus der Perspektive der Familiengeschichte, denn seine Mutter Margarethe von Trotta und sein Stiefvater Volker Schlöndorff engagierten sich in der „Roten Hilfe“, die sich um die Haftbedingungen in westdeutschen Gefängnissen kümmerte, und drehten „politische“ Filme wie „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Das zweite Erwachen der Christa Klages“ oder „Die bleierne Zeit“. Etwas irritierend ist allerdings der Umgang mit unterschiedlichsten Quellen, den Moeller als Historiker pflegt. Einerseits greift er auf einschlägiges Archivmaterial zurück, andererseits setzt er Spielfilmbilder zumindest als Scharnierbilder ein, die mit Nachrichtenbildern kommunizieren (z.B. das Reenactment der Vorführung Margrit Schillers in Schlöndorffs „Katharina Blum“), aber auch das Auftauchen bestimmter Zeitzeugen legitimieren. So kommt Marius Müller-Westernhagen offenbar in „Sympathisanten“ vor, weil er in „Christa Klages“ eine Nebenrolle übernommen hatte und weil er mit seinem Song „Grüß mir die Genossen“, in dem er „Würger“ auf „Bürger“ reimt, in weitestem Sinn etwas zur Thematik des Films beigetragen hat.

Andererseits fehlen spürbar die Stimmen Alexander Kluges („Der starke Ferdinand“, „Deutschland im Herbst“) oder auch Reinhard Hauffs („Messer im Kopf“, „Stammheim“). Für Nachgeborene mag das Bild, das „Sympathisanten“ von der Bundesrepublik zeichnet, kaum noch nachvollziehbar sein, zumal der Filmemacher selbst seine Distanz zu den rekapitulierten Ereignissen und Verwerfungen überdeutlich ausstellt, wenn er immer wieder etwas kopfschüttelnd und ungläubig seine Fragen formuliert: Wie konnte man überhaupt mit einer Gruppe von Mördern und Gewalttätern sympathisieren? Wie konnte man überhaupt auf die Idee kommen, dass die Inhaftierten in Stammheim ermordet worden seien? Wieso wurde derart pathetisch von „Isolationsfolter“ gesprochen? War das nicht reine RAF-Propaganda? Hat Baader nicht während eines Hungerstreiks Brathähnchen verspeist?

Moeller macht es sich mitunter etwas zu leicht, wenn er die Tagebücher seiner Mutter aus jenen Jahren liest und die Zeitzeugen heute mit den Überlegungen und Ängsten jener Jahre konfrontiert. Dabei kommt wenig mehr heraus als eine Mischung aus Larmoyanz und Lakonie, zumal man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass Moeller insgeheim auf Eingeständnisse von politischen Irrtümern und entsprechenden Entschuldigungen hofft. Ein paar Mal wird ihm dieser Wunsch erfüllt. Immerhin sorgen furchterregende Archiv-Auftritte von Gerhard Löwenthal („ZDF-Magazin“), Matthias Walden und Helmut Schmidt für etwas Ausgewogenheit in der Rekonstruktion der gewaltbereiten Atmosphäre jener Zeit, wenn ganz offen gefordert wird, bei Sympathisanten auch ruhig mal die Grundrechte außer Kraft zu setzen, und mit der Einführung der Todesstrafe kokettiert wird.

Auch ist es ganz erfrischend, wenn das ehemalige RAF-Mitglied Karl-Heinz Dellwo erzählt, dass er die später gerne formulierte, pseudoradikale „Fast-Nähe“ zum Untergrund für biografische Folklore hält, und wenn Christof Wackernagel darauf beharrt, dass er nicht in die RAF „reingeschlittert“ sei, sondern dass dies eine bewusst getroffene Entscheidung zum Widerstand gewesen sei. Genauso wie es erhellend ist, wenn Peter Schneider und Daniel Cohn-Bendit darauf hinweisen, dass Hanns-Martin Schleyer auch schon 1942 in Prag hätte ermordet worden sein können – vom tschechischen Widerstand als ranghoher SS-Offizier an der Seite Reinhard Heydrichs. Und dass damit eigentlich auch ein aussagekräftiger Skandal vorgelegen habe, der mit der Ermordung verspielt worden sei.

Während der Film also durchaus geduldig und betont unspektakulär Puzzleteil an Puzzleteil fügt, schiebt sich die Familiengeschichte immer wieder störend hinein und entschärft den Blick, weil naheliegende Fragen Moellers unterbleiben. So insinuiert Müller-Westernhagen an einer Stelle des Films, dass es damals „schick“ gewesen sei, zu sympathisieren. Diese Aussage hätte man nicht nur gerne präzisiert gewusst sondern es wäre auch interessant gewesen, die Frage nach dem „radical chic“ (Tom Wolfe) an die anderen Beteiligten, die Eltern zumal weiterzureichen. Fast schon etwas gemein hingegen ist es, wenn Moeller seine Mutter an den Ort führt, an dem sie offenbar wegen Beleidigung des Gerichts als Ordnungsstrafe eine Nacht im Gefängnis verbringen musste. Und sie dann jene Passage aus ihrem Tagebuch lesen lässt, in dem von Trotta diese Erfahrung mit den Haftbedingungen der RAF-Gefangenen engführt und vergleicht. Das erinnert an jene Anekdote von der (Selbst-)Enttäuschung derjenigen, die bei einer Polizeikontrolle ungehindert ihres Weges gehen durften.

Der Ertrag der filmischen Spurensuche bleibt indes überschaubar: man ahnt, wie isoliert die RAF letztlich trotz aller unterstellten Sympathisanten war und wohl auch sein wollte, und dass eine Gesellschaft, die es nicht gelernt hat, innere Widersprüche diskursiv zu bearbeiten, schnell mit einem Popanz zur Stelle ist, auf den die Bürger ihre politische Unzufriedenheit projizieren können. So weit die „bleierne Zeit“ auch entfernt scheint, diese Einsicht Schlöndorffs, formuliert im französischen Fernsehen, bleibt aktuell.

Ulrich Kriest