Endless Poetry - POESÍA SIN FIN

  Mittwoch, 14. November 2018 - 19:30 bis - 21:40

Eintritt: 5,00 €

Chile 2016
Kinostart: 19. Juli 2018
128  Minuten
FSK: o.A.

Regie/Buch: Alejandro Jodorowsky
Kamera: Christopher Doyle  
Musik: Adan Jodorowsky
Schnitt: Maryline Monthieux

Darsteller:
Adan Jodorowsky (Alejandro) · Brontis Jodorowsky (Jaime) · Leandro Taub (Enrique Lihn) · Pamela Flores (Sara, Stella Díaz Varín) · Alejandro Jodorowsky (Alejandro) · Jeremias Herskovits (Alejandro als Kind) · Julia Avendaño (Pequeñita)

Filmhomepage, Wikipedia

Kritiken:
Kritik von Manfred Riepe im Filmagazin EPD (5 von 5 Sternen)
Kritik von Michael Meyns auf Programmkino.de
Kritik von Andreas Busche im Tagesspiegel
Kritik von Dennis Vetter in der taz
Kritik von Tim Lindemann in der Konkret
Kritik von Michael Meyns auf der Webseite Kunst und Film 

  
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Kurzkritik Filmdienst
Zweiter Teil eines als Trilogie angelegten autobiografischen Zyklus von Alejandro Jodorowsky. Es geht um den Abnabelungsprozess von der Familie sowie das Eintauchen in die schillernde Kunstszene von Santiago de Chile Ende der 1940er-Jahre. Zuletzt besteigt der Protagonist einen Ozeandampfer und bricht zu neuen Ufern auf. Der flirrende Bilderbogen voller überraschender Sprünge und Übergänge ist von einer äußerst gegenwärtigen Energie durchdrungen. In grandiosen Einstellungen und mit verblüffenden erzählerischen Lösungen gelingt eine von großer Altersweisheit geprägte Positionsbestimmung, die Herkunft, Individualität und Gesellschaft kreativ aufeinander bezieht.

Trailer (122 Sekunden):


ausführliche Kritik Filmdienst
Im Alter von fast 90 Jahren kehrt der chilenische Regisseur Alejandro Jodorowsky zu seiner Kindheit und Jugend zurück. Auf den Bildern und Stimmungen von „Endless Poetry“ liegt aber nicht der verklärende Blick eines Melancholikers, sondern eine äußerst gegenwärtige Energie. Der Film knüpft unmittelbar an das autobiografische Musicaldrama „La danza de la realidad“ aus dem Jahr 2013 an. Darin schilderte Jodorowsky das Heranwachsen des künftigen Künstlers in einer kleinen Hafenstadt im Norden Chiles; jetzt imaginiert er dessen Abnabelungsprozess von der Familie sowie das Eintauchen in die schillernde Kunstszene von Santiago de Chile. Zuletzt besteigt der nun endgültig erwachsen gewordene, von seiner Mutter aber noch immer „Alejandrito“ genannte Mann einen Ozeandampfer, um alles Bisherige hinter sich zu lassen und zu neuen Ufern aufzubrechen. Was bis zum Ablegen des Schiffes geschieht und vor allem, auf welche Weise dies hier erzählt wird, lässt sich schwerlich in Worte fassen. Zwar hangelt sich die Geschichte an einer chronologischen Struktur entlang, doch spielt die Dramaturgie mit überraschenden szenischen Sprüngen und abrupten Übergängen. Wie in seinen Klassikern entfaltet Jodorowsky einen flirrenden Bilderbogen, der in der Tradition Eisensteins und dessen „Montage der Attraktionen“ steht, andererseits aber direkt an die Frühwerke Luis Buñuels und den Surrealismus anknüpft. Wobei allerdings auffällt, dass die visuellen Sensationen nicht mehr um jeden Preis in Szene gesetzt werden. Auch die skurrilsten Figuren werden jetzt mit einem liebevollen Blick gezeichnet. Hinzu kommen Bezüge zum Magischen Realismus und zu den grellen Montageprinzipien des Comics. In den Hintergrund treten dafür die früher von Jodorowsky gerne auf den Kopf gestellten Genrezitate. Größeres Gewicht misst er hauseigenen Zutaten zu, allen voran die von ihm selbst entwickelte „Psychomagie“, eine Mischung aus Psychoanalyse, Performance und Familienaufstellung. Das inhaltliche Interesse konzentriert sich dabei auf das Phänomen der Familie. Nicht ohne Grund spielt der Regisseur an der Seite seiner eigenen Söhne selbst mit. Für Jodorowsky vermischen sich in der Familie und ihrem Stammbaum individuelle, historische, politische und kulturelle Faktoren, die es aufzuspüren gilt. An ihnen kann man zerbrechen – oder aber man schöpft aus ihnen und reift. Sein 1992 veröffentlichter Roman „Wo ein Vogel am schönsten singt“, der von Galizien nach Chile führt und mit der Geburt des Autors endet, kann als langer literarischer Prolog für die filmische Beschäftigung mit der eigenen Genealogie gesehen werden. Am Staatsschauspiel Dresden kann man derzeit eine gelungene Dramatisierung des Buches zu erleben. „Endless Poetry“ wurde weitgehend durch Crowdfunding ermöglicht. Der damit verbundene Low-Budget-Touch ist indes kaum zu spüren oder gereicht sogar zum Vorteil, da die manchmal etwas unangenehme Gigantomanie früherer Filme hier keinen Platz mehr hat. Dass dieser „kleine Film“ immens groß wirkt, ist nicht zuletzt auch der Kameraarbeit von Christopher Doyle zu danken. Er schafft es immer wieder, beengte räumliche Situationen aufzubrechen und weithin zu öffnen. Es gibt choreografische Arrangements mit relativ wenig Personal, die mit federleichtem Schwung eingefangen sind. In der Verbindung mit Jodorowskys sicherem Blick für einprägsame Tableaus ergibt sich eine erstaunliche ästhetische Geschlossenheit, in die sich sogar das mehrfach praktizierte In-die-Kamera-Sprechen durch den Regisseur harmonisch einfügt. Man hat es hier eben mit keinem herkömmlichen Filmemacher zu tun. Das Kino stellt für Jodorowsky nur ein Ausdrucksmittel neben anderen Möglichkeiten dar; es wird stets der gesamte kulturgeschichtliche Kontext angespielt und mitreflektiert. So wenig, wie man „Endless Poetry“ auf einen „bloßen“ Film reduzieren sollte, so wenig wird hier eine getreulich erzählte Autobiografie dargeboten. Erinnerungen, Träume, Symbole und Texte unterschiedlicher Herkunft durchlaufen ständige Transformationsprozesse zwischen Fantasie und Realität. Manche Motive und Details mögen Jodorowsky-Kennern aus anderen seiner Filme oder auch aus Interviews und Comics durchaus vertraut sein. Dennoch stellt „Endless Poetry“ etwas völlig Eigenständiges innerhalb von Jodorowskys Œuvre dar. Hier gelingt der Zirkelschluss von seinen künstlerischen Anfängen mit einer von Altersweisheit durchwirkten aktuellen Positionsbestimmung. Zu etwas Neuem umgeschmolzen wurden dabei auch die oft schmerzlichen Findungsprozesse, Rückschläge und Verluste, von der Jodorowskys Laufbahn durch die Jahrzehnte hinweg begleitet war. Die im Titel beschworene „unendliche Poesie“ vermag vielleicht nicht gleich die ganze Welt zu retten, aber sie kann offensichtlich helfen, zu sich selbst zurückzufinden. Darin besteht die eigentliche Botschaft dieses bemerkenswerten Alterswerkes.

Claus Löser