Lady Bird (Seite ist unfertig)

  Freitag, 10. August 2018 - 20:30 bis - 22:45
Kategorien: UPI
Treffer: 69

Bisher 100 Filmpreise plus 270 Nominierungen
Critic Reviews: Metascore 98 von 100 
Rotten Tomatoes: 8,4 von 10

Eintritt: 5,00 €

USA 2017
Kinostart: 15. Februar 2018
123 Minuten
FSK: ab 16; f

Regie/Drehbuch/Produktion: Guillermo del Toro
Kamera: Dan Laustsen
Musik: Alexandre Desplat
Schnitt: Sidney Wolinsky

Darsteller:
Sally Hawkins (Elisa Esposito) · Michael Shannon (Strickland) · Richard Jenkins (Giles) · Doug Jones (Amphibienmann) · Michael Stuhlbarg (Hoffstetler) · Octavia Spencer (Zelda) · Lauren Lee Smith (Elaine) · John Kapelos (Mr. Arzounian) · David Hewlett (Fleming) · Nick Searcy (Hoyt)
 

Filmhomepage, WIKIPEDIA

Kritik von Kai Mihm im Filmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Dieter Oßwald auf Programmkino.de
Kritik von Katja Nicodemus in der Zeit
Kritik des großartigen Dietmar Dath in der FAZ
Kritik von Andreas Borcholte im Spiegel
Kritik von Christiane Peitz im Tagesspiegel
Kritik von Barbara Schweizerhof in der taz
Kritik von Philipp Stadelmaier in der Süddeutschen Zeitung
Kritik von Felix Zwinzscher in der Welt
Kritik von Beatrice Behn auf Kino-zeit.de
Kritik von Oliver Heilwagen auf der Webseite Kunst und Film 
  
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Kurzkritik Filmdienst
Eine gehörlose Putzfrau freundet sich in den frühen 1960er-Jahren in einem US-Geheimlabor mit einem Amphibienwesen an, das dort gefangen gehalten wird. Mit Hilfe einer Kollegin und ihres Nachbarn will sie den Wassermann aus den Händen des Militärs befreien. Das an Jack Arnolds B-Monsterfilm „Der Schrecken des Amazonas“ (1954) angelehnte Drama glänzt durch poetische Erfindungskraft, eine raffinierte Dramaturgie und grandiose Darsteller. Mit Poesie und Liebe soll darin der Zynismus kalter Bürokraten überwunden werden. Ein märchenhaftes Filmjuwel, das durch sein historisches Setting und ein simples Gut-Böse-Schema aber kaum kritisches Potenzial entfaltet.
Jens Hinrichsen

Trailer (120 Sekunden):

Videokritik des großartigen Intellektuellen Dietmar Dath auf faz.de (150 Sekunden):



Interview mit dem mexikanischen Regisseur Guillermo del Toro auf FAZ.de (90 Sekunden):


ausführliche Kritik Filmdienst
Elisa Esposito lebt in den 1960er-Jahren über einem Filmtheater, in dem aktuell ein biblischer Monumentalfilm läuft. Bei ihrem väterlichem Freund und Nachbarn Giles flimmern hingegen Musicals mit Shirley Temple oder Betty Grable über den Fernsehschirm. Die vielen Filmzitate in „Shape of Water“ von Guillermo del Toro, die sowohl aus dem Kino im Parterre wie dem ersten Stock des Mietshauses stammen, sind nicht einfach nur Ausstattungsdetails eines exquisit designten Fantasy-Action-Melodrams, sondern sie interagieren mit den Figuren, stauen oder beschleunigen den Handlungsfluss.
Der Film spielt in der US-Hafenstadt Baltimore mutmaßlich in der Zeit vor der Kubakrise. Der Kalte Krieg hat die Figuren im Griff, aber die prägenden Genres des damaligen Kinos, Science-Fiction und Monster-Movies, kommen in den Einsprengseln nicht vor. Das liegt vor allem daran, dass sich „Shape of Water“ selbst als eine Art Monsterfilm erweist. Alles dreht sich um einen Amphibien-Mann, eine verfeinerte Version von B-Picture-König Jack Arnolds schuppigem „Schrecken vom Amazonas“, der wie King Kong eine wild-bösartige und eine zärtliche Seite besaß.
Bis Elisa auf die Kreatur trifft, lebt sie ein von Routine und Tagträumen bestimmtes Leben. Sie arbeitet nachts in der Putzkolonne eines geheimen Regierungslabors. Elisa kann nicht sprechen; ihren beiden einzigen Vertrauten teilt sie sich durch Zeichensprache mit. Zuhause steht die Tür des Werbezeichners Giles immer für sie offen; auf den Fluren des unheimlichen Labors kann sie nur auf ihre Kollegin Zelda bauen. Anders als die pragmatische Freundin steckt die stumme Reinigungskraft ihre Nase aber in Angelegenheiten, die sie nichts angehen (sollen): In einem Wassertank wird ein Amphibienwesen aus dem Amazonas als Versuchskaninchen missbraucht. Anscheinend wird erwogen, die Kreatur in den Weltraum zu schießen, wie es die Russen mit der Mischlingshündin Laika getan haben. Auf die rohen Regierungsschergen reagiert die Kreatur mit verständlicher Gegenwehr und übermenschlichen Kräften. Nur Elisa ist der Kiemenmann zugetan, nachdem sie sein Vertrauen mit Geduld und hartgekochten Eiern gewonnen hat.
Der Schurke im Film heißt Strickland, der als skrupelloser Vorgesetzter der Forschungsgruppe und als Amphibien-Folterknecht in Personalunion auftritt. Ähnlich wie Spielbergs E.T. wird die fremdartige Kreatur, je öfter sie aus den Sicherheitstanks und Bassins taucht, immer sympathischer, während Strickland sich von Anfang an als Scheusal ausweist: ein misogyner, rassistischer Beamter mit begrenztem Weltbild und einem Elektroschocker als liebstem Spielzeug.
Gleich nach dem ersten Quälversuch müssen Strickland zwei Finger angenäht werden, die nicht mehr richtig anwachsen und im Handlungsverlauf eine schwarze Färbung annehmen. Am Ende dreht sich Strickland das abgestorbene Gewebe selbst heraus. Da ekelt sich das Ekelpaket vor seiner Ekligkeit: eine von zahlreichen Mehrfachcodierungen in einem Film, der seine Charaktere grell wie mit Flutlicht ausleuchtet und die Grenze zwischen den Guten und den Bösen in der Regel scharf zieht. Immerhin gibt es einen Fahnenflüchtigen. Ein als Biologe ins Labor geschleuster russischer Agent verweigert sich den US-amerikanischen Apparatschiks wie seinen sowjetischen Hintermännern. Der Kreaturversteher Dr. Hoffstetler avanciert dadurch fast zur Hauptfigur.
Das zentrale Trio, das in einer aufregend inszenierten Rettungssequenz den Amphibienmann aus dem Labor entführt, rekrutiert sich ausschließlich aus Charakteren vom Rand der US-amerikanischen Mehrheitsgesellschaft: Elisa ist behindert und hat lateinamerikanische Wurzeln, Zelda ist Afroamerikanerin, Giles homosexuell. Alle drei kennen Demütigung und Ausgrenzung nur zu gut. So sind die positiven Figuren bei del Toro ausnahmslos Underdogs, während die Bösen das Establishment vertreten.
Seit der Premiere beim Filmfestival Venedig 2017, wo „Shape of Water“ den „Goldenen Löwen“ gewann, hat sich für den Film das Schlagwort vom „Märchen“ festgesetzt. Doch die Zweifel, ob insbesondere ambitionierte Filmemacher das Publikum mit maximaler Ereignisdichte und virtuosen Effekten hollywoodhaft entmündigen sollten, lassen sich nicht so einfach in der Märchentruhe entsorgen. Von der vorwärtsdrängenden Erzählung, der raffinierten Dramaturgie und del Toros poetischer Erfindungskraft lässt man sich gerne anstecken. „Shape of Water“ ist perfektes Entertainment! Die Liebesszene zwischen Elisa und dem Amphibienmann, dem sie ein Zwischenlager in ihrer Badewanne eingerichtet hat, um ihn später ins Meer zu bringen, ist schlichtweg hinreißend. Damit es mit dem Sex klappt, setzt Elisa kurzerhand ihr komplettes Badezimmer unter Wasser. Bis es im Kino darunter von der Decke tropft.
Die grandiosen Darsteller sorgen dafür, dass die eklektizistisch zusammengepuzzelte Story zum Leben erwacht. Sally Hawkins als Elisa, deren (Sing-)Stimme nur in einer kurzen Wunschtraumsequenz erklingt, überspielt ihr Handicap mit chaplinesker Ausdrucksvielfalt. Octavia Spencer stützt sie als schlagfertige Freundin Zelda, Richard Jenkins überzeugt als zögerlicher Melancholiker Giles. Einem wie Michael Shannon als Strickland möchte man nicht im Dunkeln begegnen. Und anders als Jack Arnolds historischer Amphibien-Darsteller kann Doug Jones sein mimisches Talent und seine schlangenhafte Gelenkigkeit beweisen. Del Toro, der das Monsterkostüm aus eigener Tasche finanziert haben soll, hat Jones schon öfters in Fantasy-Rollen eingesetzt, in „Hellboy“ oder als Titelfigur in „Pans Labyrinth“. Der akrobatische Schauspieler ist nicht die einzige Verbindung zu „Pans Labyrinth“, das ebenfalls historisches Setting mit surrealen Motiven verband.
Doch das in den Wirren nach dem Spanischen Bürgerkrieg angesiedelte Drama ist fatalistischer, härter, seine Figuren haben mehr Tiefe. Die packend-turbulente Aqua-Show wirkt auch deutlich unverbindlich, wenn es um Zeitkritik geht. Der Film weist auf Missstände hin, die nach wie vor nicht überwunden sind, auf Machtgier, brutale Unterdrückung, Rassismus und Umweltzerstörung; doch das historische Setting entrückt sie dem Hier und Jetzt. „Shape of Water“ ist nicht zuletzt durch sein simples Gut-Böse-Schema ein bequemer Film. Die dunkle Seite ist ausschließlich abstoßend. Sie bleibt uns fremd. Wir, das Publikum, stehen auf der richtigen Seite.
Jens Hinrichsen