Der Hauptmann

  Sonnabend, 28. April 2018 - 20:30 bis - 22:40

Interview von Barbara Wurm mit Robert Schwentke im Filmdienst

Eintritt: 5 Euro

Deutschland/Polen 2017
Kinostart: 15. März 2018
119 Minuten
FSK: ab16; f
FBW: Prädikat besonders wertvoll

Produktion: Frieder Schlaich und Irene von Alberti (Der lange Sommer der Theorie)

Regie und Drehbuch: Robert Schwentke
Kamera: Florian Ballhaus
Schnitt: Michał Czarnecki
Musik: Martin Todsharow
 
Darsteller:
Max Hubacher (Willi Herold), Frederick Lau (Kipinski), Milan Peschel (Freytag), Bernd Hölscher (Schütte), Waldemar Kobus (Lagerleiter Hansen),  Alexander Fehling (Hauptmann Junker) · Samuel Finzi (Roger Kuckelsberg) · Wolfram Koch (Schneider) · Britta Hammelstein (Gerda) · Sascha Alexander Gersak (Sichner) · Marko Dyrlich (Brockhoff) · Jörn Hentschel (Bauer Görner)

Filmseite der Produktionsfirma Filmgalerie451 mit einem Interview mit Regisseur Robert Schwentke
Filmhomepage, Wikipedia, Facebook, alle Daten zum Film auf Filmportal.de

Kritik (4 von 5 Sternen) von Rudolf Worschech auf EPD-Film
Kritik von Christian Horn auf Programmkino.de
Kritik von  Elena Witzeck in der FAZ
Kritik von Philipp Bovermann in der Süddeutschen Zeitung
Kritik von Andreas Köhnemann auf Kino-Zeit.de
Kritik von Christian Schröder im Tagesspiegel
Kritik Michael Pilz  in der Welt
Kritik von Matthias Dell im Freitag
Kritik von Barbara Schweizerhof in der taz
Kritik von Kaspar Heinrich in der Zeit
Kritik von Tim Evers auf mdr Kultur
Kritik von Georg Kammerer im Neuen Deutschland
Kritik von Rüdiger Suchsland auf SWR2 Info
Kritik von Rüdiger Suchsland auf Telepolis

Interview von Susanne Burg mit Robert Schwentke auf Deutschlandfunkkultur
Interview von Barbara Wurm mit Robert Schwentke im Filmdienst
Interview von Hans Christoph von Bock und Scott Roxborough mit Robert Schwentke in der DW Akademie

Neugier, Stilwillen, Mut 
Das 39. Filmfestival Max Ophüls Preis (22.1.-26.1.) eröffnet mit "Der Hauptmann" von Robert Schwentke
von Rüdiger Suchsland

Eröffnet wurde das Festival Max-Ophüls-Preis am Montag mit „Der Hauptmann“. Lilian Harveys „Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder“, komponiert vom jüdischen Komponisten Werner Heymann (und daher in der Nazi-Zeit offiziell verboten, aber ungebrochen populär) ist darin gleich mehrmals zu hören. Es wird in diesem Film zum Horrorsong. Der Gefreite Willi Herold summt es, als er, ein Deserteur, in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs plötzlich einen leeren Wagen und darin die perfekte gebügelte Uniform eines Hauptmanns vorfindet. Kleider machen Leute, und so verwandelt sich der Landser, als er sie anlegt, im Nu ein Offizier. Anfangs zögert er noch beim Kommandieren, doch bald ist aus ihm ein schneidiger Schleifer geworden, ein geborener Befehlshaber und fanatischer Nazi. Und ein Massenmörder, der marodierend übers Land zieht und in einem Lager im Emsland über hundert Gefangene ermorden lässt.
Eine düstere Köpenickiade, ohne alle Niedlichkeit, und aus dem wahren Leben des April 1945 gegriffen. Eine abgründige Geschichte über Untertanengeist, deutschen Sadismus und den Zerfall aller Werte in den Jahren des Zivilisationsbruchs unter den Nazis.
Dieser Film stammt von Robert Schwentke, einem Grenzgänger zwischen Hollywood und dem europäischem Autorenkino. In seinem ersten deutschen Film nach mehreren Jahren in den USA (wo er „Insurgent – Die Bestimmung“, „R.E.D.“ und „Die Frau des Zeitreisenden“ drehte) wirft Schwentke einen Blick auf den Nationalsozialismus, wie man ihn trotz hunderter Fernsehdokumentationen und Dutzender Spielfilme noch nie gesehen hat: In Schwarz-weiß und mit Mut zur Geschmacklosigkeit, denn wie könnte man die Entgleisungen der Nazis irgendwie geschmackvoll zeigen, ohne die Opfer zu verhöhnen? Schwentke sieht aber auch genau hin, mit gefriergetrocknetem Humor und Neugier, voller Trauer und spürbarem Entsetzen angesichts des galoppierenden Albtraums. Der Film zeigt den Nationalsozialismus als blutige Travestie, als Hochstapelei und als den Ausbruch unterdrückter Triebe, der er war – endlich einmal ein Film aus Deutschland, der den Nationalsozialismus von seiner abstoßendsten Seite zeigt, ohne NS-Offizielle, die sich gepflegt artikulieren oder irgendwelche „guten Gründe“ für ihre Schandtaten haben, und ohne versteckte Rechtfertigungen.
„Der Hauptmann“ ist insbesondere eine Dekonstruktion der im deutschen Kino so beliebten Figur des Offiziers und der Idee seiner „Ehre“. „Offizier“ ist hier nur eine Form, eine Uni-Form, pure Hochstapelei!
Die Gegenwärtigkeit des Vergangenen
Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder, dass die Triebe derart entfesselt werden. So hofft man, aber sind wir uns heute da noch so sicher? Schwentke überhöht diese wahre Geschichte zu einer Travestie über den Faschismus, und schlägt am Ende den direkten Bogen zur Jetztzeit. Schon zuvor hat er klargemacht, dass uns gar nicht so viel von früher trennt. Auch im Gegenwartsdeutschland gibt es den rassistischen, gewaltbereiten, machtgeilen Mob auf den Straßen. Insofern ist „Der Hauptmann“ ein ganz aktueller, hochpolitischer Film, was das Max Ophüls Preis-Festival umso mehr ehrt, damit die Filmschau zu beginnen. Die anspruchsvolle Bildgestaltung (für die der Film beim Filmfestival San Sebastian einen Preis gewann) stammt von Kameramann Florian Ballhaus, die Hauptrollen spielen Max Hubacher, Milan Peschel, Frederick Lau und Alexander Fehling.
„Der Hauptmann“ führt insbesondere dem Filmnachwuchs vor Augen, worauf es ankommt, wenn man gutes Kino machen will: nicht auf Geld und Stars, nicht auf Unterwerfung unter ein imaginäres Publikum, nicht auf Charaktere, die man lieben oder immer verstehen muss. Sondern auf Neugier, auf Stilwillen, auf Mut – auch zur eigenen Fantasie

Der Filmdienst ist seit Jahren die führende deutsche Kinofilmfachzeitschrift. Da die Kritiken des Filmdiensts nicht ohne weiteres zugänglich sind, drucken wir sie hier ab, unabhängig ob sie positiv oder negativ ausfallen. Unser Ehrgeiz ist es nicht, Interessierte mit hohlen Versprechungen oder plakativen Etikettierunen wie "Kunstfilm" oder "besonderer Film"  ins achteinhalb zu locken. Die wenigstens Filme erhalten vom Filmdienst eine positive Kritik. Es ist daher durchaus so, dass Filme, die dort nicht so positiv "wegkommen", ansonsten durchweg positive Kritiken erhalten haben und wir auch einige Filme "klasse" gefunden haben, die vom Filmdienst kritisch bewertet worden sind. Es ist halt eine Meinung unter mehreren, aber in der Regel eine fundierte. Die höchste Auszeichnung ist das Prädikat "sehenswert", die Altersempfehlung ist eine pädagogische.
Kurzkritik Filmdienst
Im April 1945 schart ein Gefreiter in der Uniform eines Hauptmanns eine Gruppe versprengter Soldaten um sich und verbreitet in der norddeutschen Provinz als „Kampfgruppe Herold“ mit dem Standrecht Angst und Schrecken. In einem Lager werden Strafgefangene willkürlich abgeschlachtet, später zieht die Soldateska marodierend weiter. Nach historischen Vorkommnissen zeichnet das in kontrastreichem Schwarz-weiß stark stilisierte Drama die mysteriöse Selbstermächtigung des Anführers als mörderische Köpenickiade, wobei die Inszenierung die Motivation der Hauptfigur bewusst vage lässt. Mit dieser Leerstelle und der Betonung der Gruppendynamik will der aus der Täterperspektive geschilderte Film eine Brücke in Gegenwart schlagen, setzt sich dadurch aber tendenziell einer Entschuldung der Figur aus. Eine absurde Deutung der historisch belegten Ereignisse klingt zwar an, wird zugunsten einer filmischen Meditation über die Wolfsnatur des Menschen aber nicht vertieft.
Ulrich Kriest - sehenswert (4 von 5 Sternen)

ARD - Titel Thesen Temperamente (ttt) (6 Minuten):



SWR - Kunscht! (5 Minuten):


rbb ZIBB auf der Premiere - Interview mit Milan Peschel (3 Minuten):


artour MDR (6 Minuten):


Trailer (115 Sekunden):




ausführliche Kritik Filmdienst
April 1945, irgendwo an der nordwestdeutschen Front. Ein junger Mann in Wehrmachtsuniform wird von einer ausgelassenen Gruppe Soldaten fast spielerisch gejagt und kann nur knapp entkommen. Wenig später entdeckt dieser Soldat, Willi Herold, in einem verlassenen Fahrzeug die blitzblanke Uniform eines Hauptmanns. Er zieht sie an und probt ein paar Haltungen, die seines Erachtens zu der Uniform passen. Den zufällig des Weges kommenden Gefreiten Freytag vermag er damit zu überzeugen. Freytag wird Herolds Fahrer. In der Folge versammelt der frisch gebackene Hauptmann mit etwas Glück und einem forciert selbstsicheren Auftreten immer mehr Versprengte hinter sich und formiert die „Kampfgruppe Herold“, die schließlich im Hinterland im Auftrag des Führers das Standrecht vertritt. Als die Truppe auf ein Strafgefangenenlager stößt, in dem Wehrmachtsdeserteure das Kriegsende herbeisehnen, beginnt eine Woche des willkürlichen Abschlachtens von Inhaftierten. Nachdem das Lager schließlich von alliierten Luftangriffen zerstört wird, zieht die Soldateska marodierend weiter durch die norddeutsche Provinz, bis deutsche Militärpolizei dem mörderischen Treiben schließlich ein Ende setzt. Doch dem NS-Militärgericht erscheint Herolds Pragmatismus durchaus verwendungsfähig; eine Verurteilung unterbleibt. Nach mehr als einem Jahrzehnt, in dem er in Hollywood Filme wie „Flightplan – Ohne jede Spur“  oder „R.E.D. – Älter, Härter, Besser“  drehte, kehrt Robert Schwentke mit „Der Hauptmann“ wieder nach Deutschland zurück. Die Geschichte der mysteriös-mörderischen Selbstermächtigung des Gefreiten und vormaligen Schornsteinfegerlehrlings Willi Herold war bereits vor gut 20 Jahren Gegenstand des mit dem Grimme-Preis 1998 prämierten Dokumentarfilms „Der Hauptmann von Muffrika“ von Paul Meyer und Rudolf Kersting. Deren chronologisch erzählter Film setzte auf die Konfrontation von Zeitzeugen mit der Landschaft des Emslandes, wo die Geschichte sich abspielte, und verzichtete auf ein schlüssiges Psychogramm des jugendlichen Täters. Auch Schwentke, dem mit „Der Hauptmann“ ein Film aus Täterperspektive vorschwebt, arbeitet mit dem blinden Fleck eines nicht (oder nur sehr kurz) zur Identifikation einladenden Protagonisten, dessen Motivation unklar bleibt. Schwentke erkannte in dieser mörderischen Köpenickiade das Potenzial, etwas Allgemeineres zur Psychologie des Faschismus zu erzählen, indem er sich beispielsweise auf Hannah Arendt bezieht: „Wenn wir von jemandem sagen, er ,habe Macht‘, heißt das in Wirklichkeit, dass er von einer bestimmten Anzahl von Menschen ermächtigt ist, in ihrem Namen zu handeln.“ Fraglich ist nur, ob die Geschichte des Willi Herold wirklich dazu taugt, diese komplexe These zu exemplifizieren. Schwentke versucht es, indem er auf Leerstellen und Abstraktion setzt, belässt den spannenden Moment der Hauptmann-Werdung und des Hauptmann-Werden-Wollens aber in der Unschärfe und zeigt anschließend, dass die Existenz des Hauptmanns von Dritten im Sinne ihrer Mordlust instrumentalisiert wird. Der sehr junge Willi Herold muss erst noch lernen, sich in seiner neuen Rolle angemessen zu verhalten. Um seine Autorität zu unterfüttern, muss er selbst töten. Später kann er es sich dann leisten, töten zu lassen. Er muss jedoch stets auf der Hut sein, seine Ermächtigung, deren Kehrseite die Ermächtigung Anderer ist, aufrecht zu erhalten. Schnell kann sich die Gewalt auch gegen Mitglieder der Gruppe richten, wenn unsichtbare und unausgesprochene Grenzlinien überschritten werden. Diese zwanghafte Gruppendynamik, das Schattenhafte von Befehlshierarchien, die sich in Auflösung befinden, aber mit ihren Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten noch halbwegs entlastend wirken, arbeitet die Inszenierung in stilisiert-kontrastreichem Schwarz-weiß eindrucksvoll heraus, wenngleich die partielle Getriebenheit Herolds ohne ansatzweise Psychologisierung in der Tendenz zur Entschuldung ein hoher Preis ist, den der Film zahlt. Welches Potential im Sinne einer anarchischen Höllenfahrt dem Szenario innewohnt, wird erst nach der Zerstörung des Lagers skizziert, als sich die Reste der Truppe jetzt als „Schnellgericht Herold“ auf den Weg in die umliegenden Kleinstädte machen. Wie zuvor schon beim Auftritt zweier Schauspieler bei einem „Bunten Abend“ nach einer Massenhinrichtung bekommt der Film eine surreale Komponente mit grotesk-komischen Zuspitzungen, die ihn atmosphärisch in Richtung von Pasolinis „Saló“ oder Célines Roman „Von einem Schloss zum andern“ driften lässt. War Herolds Agieren im Lager noch ein Lavieren, ein fragiler Hochseilakt, so handelt er jetzt ohne Netz und doppelten Boden wie ein Toter auf Urlaub. Das vorläufige Ende dieser Karriere ist dann recht prosaisch, und das sich anschließende Gerichtsverfahren aussagekräftig für das herrschende Regime. Im Film verschwindet Willi Herold „auf Bewährung“ im Dunkel des Waldes. In der Realität wird Herold, der „Henker vom Emsland“, im Mai 1946 zufällig verhaftet und im November mit einigen Mittätern des 125-fachen Mordes angeklagt und hingerichtet. „Der Hauptmann“ ist sicher kein Antikriegsfilm und aufgrund der gewollten Leestellen auch kein „Blick in menschliche Abgründe“, sondern eher eine filmische Meditation über Thomas Hobbes’ Satz vom Menschen, der dem Menschen ein Wolf ist. Wenn ganz am Schluss die uniformierten Darsteller durch das heutige Görlitz ziehen und mittels Mummenschanz Passanten provozieren, dann ist das allerdings ein etwas platter Witz, der den Film beschädigt: das Karnevaleske, das die Geschichte des Willi Herold auszeichnet, stammt eher aus dem Bewusstsein eines Hieronymus Bosch, Rabelais, Goya oder de Sade denn aus dem Reality-TV a la „Er ist wieder da“.
Ulrich Kriest - sehenswert (4 von 5 Sternen)