Seniorenkino: Der Junge muss an die frische Luft

Seniorenkino: Der Junge muss an die frische Luft

  Dienstag, 05. November 2019 - 15:30 bis - 22:15

Ort: Kino achteinhalb

http://deinkinoticket.de/der-junge-muss-an-die-frische-luft/story

Kategorien: Familienfilm, Komoedie, deutscher Film, Film, Archiv, Spielfilm, Familiendrama, Bayerischer Filmpreis, Nominierung Deutscher Filmpreis - Lola, Warner, 2019, Scope

Treffer: 159


Das Komische ist bekanntlich eine ernste Sache, davon erzählt Hape Kerkeling in seiner Autobiografie. Oscar-Preisträgerin Caroline Link hat das Buch ganz wunderbar verfilmt, komisch und traurig, in Wirtschaftswunderfarben. Liebevoll malt sie die Atmosphäre im Ruhrpott der Sechziger- und Siebzigerjahren aus und das Nest einer Großfamilie mit gleich zwei tollen Großmüttern. Darin das selbstbewusste Pummelchen Hans-Peter (Hape), der ein Talent hat, andere Menschen zum Lachen zu bringen. Das braucht er auch, als seine Mutter depressiv wird: Er singt und tanzt und blödelt um ihr Leben.
Von Martina Knoben (Süddeutsche Zeitung)


Eintritt: 5,00 €

Deutschland 2018
Kinostart: 25. Dezember 2018
97 Minuten
FSK: ab 6; f
FBW: Prädikat besonders wertvoll

Regie: Caroline Link (u.a.: Jenseits der Stille, Nirgendwo in Afrika)
Drehbuch: Ruth Toma – nach der Vorlage von Hape Kerkeling
Kamera: Judith Kaufmann   
Musik: Niki Reiser
Schnitt: Simon Gstöttmayr

Darsteller:
Julius Weckauf (Hape Kerkeling) · Luise Heyer (Mutter Margret) · Sönke Möhring (Vater Heinz) · Joachim Król (Opa Willi) · Ursula Werner (Oma Bertha) · Hedi Kriegeskotte (Oma Anne) · Rudolf Kowalski (Opa Hermann) · Maren Kroymann (Frau Höttermann) · Diana Amft (Frau Kolossa) · Elena Uhlig (Tante Gertrud) · Birge Schade (Tante Lisbeth) · Eva Verena Müller (Tante Annemarie) · Kathrin von Steinburg (Frau Klöker)

Filmhomepage, Wikipedia, alle Daten zum Film auf Filmportal.de, Webseite von Hape Kerkeling

Kritiken:
Kritik von Katrin Hoffmann im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Karsten Mund im Filmdienst
Kritik von Christian Horn auf Programmkino.de
Kritik von Julia Bähr in der FAZ
Kritik von Martina Knoben in der Süddeutschen Zeitung
Kritik von Moritz von Uslar in der Zeit
Kritik von Elmar Krekeler in der Welt
Kritik von Elena Meilicke im Spiegel
Kritik von Andreas Busche im Tagesspiegel
Kritik von Caspar Boehme in der taz
Kritik von Bianka Piringer auf Kino-Zeit.de
Kritik von Axel Timo Purr auf artechock

Interview von Katja Kraft mit Regisseurin Caroline Link in der Frankfurter Rundschau

Schulkino – filmpädagogisches Material:
Filmtipp Vision Kino
Kinofenster
Film des Monats
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Trailer (146 Sekunden):



Interview mit Julius Weckauf und Regisseruin Caroline Link (11 Minuten):

ausführliche Kritik Filmdienst
Verfilmung des autobiografischen Romans von Hape Kerkeling, die von der Kindheit des Entertainers im Ruhrgebiet der 1970er-Jahre und der psychischen Erkrankung seiner Mutter erzählt. Der in seinen tragischen Momenten sehr stimmige Film bleibt insgesamt allzu gefällig.

Recklinghausen ist ein Paradies für den kleinen Hans-Peter (Julius Weckauf). Am Stadtrand kann er wandern, reiten, mit Mutter Margret (Luise Heyer), den Großeltern und am Wochenende auch mit Vater Heinz (Sönke Möhring) Feste feiern und, wenn die große Familie einmal nicht beisammen ist, allein vor dem Fernseher sitzen – bis zum Sendeschluss. Das nächtliche Testbild, das nach „Klimbim“ und dem Abendkrimi auf dem Fernsehbildschirm erscheint, wird das Ende der idyllischen Kindheit markieren, die Hape Kerkeling im Ruhrgebiet der 1970er-Jahre verbrachte.

Am letzten Abend vor ihrem Selbstmordversuch erlaubt die Mutter dem kleinen Jungen, bis zum Testbild fernzusehen. Dann verschwindet sie im Schlafzimmer und nimmt eine Überdosis Schlaftabletten. Ihr psychisches Leiden ist bis dahin im Familienalltag zunächst fast unbemerkt geblieben. Das erste Mal sieht Hans-Peter seine Mutter weinen, als sie für das Mittagessen Zwiebeln schneidet. Eine perfekte Tarnung, die durch ihr leises, unterdrücktes Schluchzen auffliegt. Der Sohn greift zur vertraut-verlässlichen Lösung: Er bringt seine Mutter mit einer kleinen Schauspiel-Einlage zum Lachen.

Mit Comedy-Einlagen gegen die Depression

Nach dem Familienumzug in einen städtischen Altbau wird das Aufmunterungstalent des Jungen mehr und mehr gefordert. Die Mutter ist überlastet von der Hausarbeit und der ständigen Koordination der Handwerker. Eine Nebenhöhlen-Operation kann zwar ihre chronischen Kopfschmerzen lindern; ihre Depression aber bleibt unbehandelt. Die immer größer, herzlicher und ausgefeilter werdenden Comedy-Einlagen des Jungen sind ebenso wenig ein Heilmittel für die psychische Krankheit wie die gut gemeinte, aber völliger Verzweiflung geschuldete Aufforderung des Vaters, Margret solle gefälligst etwas Freude zeigen. Den Tod der Großmutter hat die Familie noch mit sanften Worten und den angemessenen Trauerriten bewältigen können; der zunehmend katatonische Zustand der Mutter aber stellt sie vor ein unlösbares Rätsel.

Gerade diese Momente, in denen der Humor als Allheilmittel versagt und weder Hans-Peter noch seiner Familie die sonst immer greifbaren humorvollen und schönen Lösungen einfallen, sind die stärksten des Films. Regisseurin Caroline Link versteht es, die zentrale Tragik von Kerkelings Biografie zu erzählen, ohne den leichten Tonfall aufzugeben, den eine aufwändige, familiengerechte Kerkeling-Adaption verlangt. Was der Verfilmung von Kerkelings Kindheit hingegen immer fehlt, ist die Perspektive eines Ich-Erzählers. Viele der szenischen Ausarbeitungen sind zum Scheitern verurteilt, weil sie ohne Kerkeling als Erzähler keinerlei persönliche Färbung bekommen und dementsprechend plump wirken. Wenn der junge Hans-Peter wieder und wieder in den Herren-Unterwäschekatalogen blättert, wirkt das ohne die persönliche Färbung oder geschickte Setzung wie ein billiger Verweis auf die Homosexualität des Prominenten, der der Junge einmal sein wird.

Perfekt choreografierte Verweise auf die späteren Erfolge

Ähnlich verhält es sich mit den Sketchen, Imitationen und Gesangseinlagen, die der junge Hans-Peter immer wieder einstreut. Diesen fehlt das, was die Rührung solcher kindlichen Versuche ausmacht: Die ungelenke Art, die unabsichtliche Komik oder gar die Abwesenheit einer Zuspitzung, die kindliche Imitationen und Unterhaltungsnummern so rührend macht. Stattdessen sind die Einlagen stets perfekt choreografierte Verweise auf die späteren Nummern und Charaktere Kerkelings – insbesondere die Kunstfigur Horst Schlemmer wird immer wieder mit einem wissenden Zwinkern als kindlicher Frühentwurf präsentiert.

Unebenheiten vermisst man hier ebenso wie die persönliche Perspektive der autobiografischen Erzählung. Die Freude, die eine Familie empfindet, wenn die eigenen Kinder Spaß an der Unterhaltung anderer finden, überträgt sich im Film nur als Fremderfahrung. Caroline Links Adaption von Kerkelings Kindheit fühlt sich an, als würde man die Entertainment-Einlage eines fremden Kindes beobachten. Man mag überrascht sein, wie gut der ein oder andere Ton getroffen wird, aber wirkliche Rührung empfindet man ohne die persönliche Bindung nicht.

Eine Kritik von Karsten Munt