achteinhalb

Kino & Kultur e.V.

Zusammen ist man weniger allein

SENIORENKINO
DIENSTAG, 4. November

Alte Exerzierhalle am Neuen Rathaus, 29221 Celle

Beginn 15.30 Uhr
Einlass ab 14.30 Uhr
Eintritt 4,- Euro
Kaffee + Kuchen für 2,50 Euro

Informationen:
Müller Bus-Touristik 0 50 86 / 24 64
Familienbüro Stadt Celle 0 51 41 / 12 500


Jetzt oder nie – Zeit ist Geld
im Filmportal

bei FILMZ

Scope. Deutschland, 2000
Länge:    95 Minuten
FSK:    ab 6; f
Erstaufführung:    14.12.2000
Produktion:    Helga Bähr, Til Schweiger
Regie:    Lars Büchel
Buch:    Lars Büchel, Ruth Thoma
Kamera:    Judith Kaufmann
Musik:    Max Berghaus, Dirk Reichardt, Stefan Hansen
Schnitt:    Bettina Vogelsang
Darsteller:    Gudrun Okras (Carla), Elisabeth Scherer (Lilli), Christel Peters (Meta), Martin Semmelrogge (Bruno), Corinna Harfouch (Flora), Thierry van Werveke (Josef), Johannes Thanheiser (Heinrich Maier), Til Schweiger ("Knacki"), Mark Keller ("Knacki")

FILMDIENST:
Kurzkritik
Drei alte Freundinnen wollen vor ihrem Tod ihren Traum von einer gemeinsamen Schiffsreise verwirklichen. Als sie um ihr mühsam Erspartes gebracht werden, versuchen sie sich als Bankräuberinnen. Letztlich bleiben sie zwar erfolglos, finden aber dank ihres unkonventionellen, selbstbestimmten Handelns dennoch zu Trost, Würde und innerem Frieden. Melancholisch-heitere Komödie, die sich vorbehaltlos offen mit den Themen Altern und Tod beschäftigt. Dank der uneitlen Leinwandpräsenz der drei faszinierenden Hauptdarstellerinnen gerät die unglaubwürdige, allzu dick aufgetragene und lähmend umständlich entwickelte Handlung wohltuend in den Hintergrund. - Ab 12.

Langkritik:
Jetzt oder nie – Zeit ist Geld
Lars Büchels „4 Geschichten über 5 Tote“ (fd 33 093) aus dem Jahr 1997 war nicht nur die bemerkenswerte Visitenkarte eines jungen Talents, sondern auch thematisch eine Entdeckung: Endlich einmal setzte sich hier jemand unvoreingenommen und offen mit dem Thema „Tod und Sterben“ auseinander, und dies nicht in einem bemühten, dröge abwägenden Kammerspiel, sondern in Form einer handfest-skurrilen Erzählung, die tiefe Trauer und pralle Komik in einen letztlich tröstlichen Zusammenhang bringt. Um diese Balance im Angesicht der Themen Altern und Sterben geht es auch in Büchels neuestem Film, der immer noch im Bereich einer Low-Budget-Komödie angesiedelt, aber weit oppulenter ausgestattet ist als der in Schwarz-Weiß fotografierte Erstling. Scope und Farbe allein machen freilich noch keinen überzeugenden Kinofilm aus, und hätte Büchel mit seinen drei alten Hauptdarstellerinnen nicht solch souveräne, abgeklärte Damen mit wahren Star-Qualitäten gefunden, dann wäre sein erster „richtiger“ Kinofilm wahrscheinlich regelrecht eingebrochen. Gudrun Okras (geb. 1920), Elisabeth Scherer (geb. 1914) und Christel Peters (geb. 1916) aber machen mit ihrer uneitlen Leinwandpräsenz „Jetzt oder nie“ trotz allem zu einem melancholisch-unterhaltsamen Vergnügen.

Die drei Damen spielen die Freundinnen Carla, Lilli und Meta, die ihre ihnen noch verbleibende Zeit mit Reden und Streiten, Friedhofsbesuchen und Kahnpartien verbringen. Vor allem aber bessern sie ihre kargen Renten mit raffiniert durchgeführten Diebstählen in einem kleinen Supermarkt auf, wobei sie die erbeutete Ware im Altersheim, in dem Carla lebt, heimlich versteigern. Das so verdiente Geld wird gespart, um ihren gemeinsamen Traum von einer luxuriösen Schiffsreise zu erfüllen. Als Carla erfährt, dass sie an Krebs erkrankt ist und nur noch kurze Zeit zu leben hat, verschweigt sie dies ihren Freundinnen, treibt aber umso resoluter die Erfüllung ihres Traums voran. Doch ausgerechnet an dem Tag, als sie ihr Geld auf die Bank tragen, wird diese von maskierten Gangstern überfallen – das mühsam Ersparte ist auf immer verloren! Der Katzenjammer der drei Damen verwandelt sich allmählich in kindlichen Trotz, und sie beschließen, sich ihr Geld zurückzuholen – und zwar ebenfalls mit einem Banküberfall. Das, was eigentlich gar nicht sein darf, gelingt, freilich mit einer allzu mageren Beute, die Lilli einem alten, ganz offensichtlich in sie verliebten Schalterbeamten abgeluchst hat. Ausgerechnet der ist es dann, der den dreien verrät, dass seine Filiale in zwei Tagen einen weit höheren Geldbetrag erwartet, worauf man sich erneut tatkräftig ans Werk macht. Doch was einmal gut geht, muss nicht ein zweites Mal gelingen: Carla, Lilli und Meta landen im Gefängnis. Ihre Niederlage und Carlas Tod sorgen für Frustration und tiefe Trauer, können aber letztlich nicht verhindern, dass es doch noch zu einem tröstlichen Ende kommt; einem Ende, das weniger mit großen Träumen und Illusionen zu tun hat als mit dem (An-)Erkennen ihres „freien“, selbstbestimmten Handelns jenseits aller Normen und gängelnden Institutionen.

Was von diesem Film in Erinnerung bleiben wird, ist vor allem die Stimme Gudrun Okras’, die die Ereignisse aus dem Off verbindet und sie kommentiert: Da meint man, die tote Carla wirklich irgendwo auf einer Wolke schweben zu sehen, wie sie aus der Ferne aufs filmische Geschehen zurückblickt und es nachsichtig, lakonisch, leise ironisch abwägt. Die von Carla zuvor einmal angesprochene Angst, dass sie keine Spur auf Erden hinterlassen und nach ihrem Tod vergessen sein würde, ist nun – so vermittelt es Gudrun Okras’ Stimme - einer feierlichen Ruhe gewichen, ja, einem Frieden, den Carla mit sich selbst und allen irdischen Turbulenzen und Ungerechtigkeiten geschlossen hat. Diese so abgeklärte „Fernsicht“ bildet manch feines und subtiles Spannungsgeflecht mit den aufgekratzten, quasi retrospektiv handelnden und planenden alten Damen, die ihren tristen Alltag sowie ihre Angst vor dem Sterben zunehmend meistern. Im Prinzip sind das feine Kabinettstückchen, wenn die alten Frauen zu trotzigen Kindern, resoluten Bankräuberinnen oder gar zur Geliebten mutieren. Problematisch ist, dass sie nicht losgelöst vom Rest der Geschichte betrachtet werden können. Und da führt manch ungeschicktes Timing der wenig straff und lähmend umständlich entwickelten Erzählung dazu, dass man oft mehr auf die Unglaubwürdigkeit der Ereignisse blickt als auf das Märchenhaft-Poetische der hintergründigen Fabel. Da nervt es dann, wenn das Leben im Altersheim zur grellen Farce verzerrt wird und vieles (der mit blutiger Eastern-Action aufgepeppte Bankraub) viel zu dick aufgetragen wird. Weniger wäre in jedem Fall mehr gewesen und hätte mehr Raum für die drei Hauptdarstellerinnen gelassen – für ihren Mut, ihre Resolutheit und ihre fast schon philosophische Altersklugheit.
Horst Peter Koll
Kritik aus film-dienst Nr. 25/2000