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achteinhalb
Kino & Kultur e.V.
FREITAG | 18. April | um 20.30 Uhr | SAMSTAG | 19. April | um 20.30 Uhr | Eintritt: 4,50 Euro
50% der Karten sind reservierbar, mindestens 50% gehen auf jeden Fall über die Abendkasse in den freien Verkauf. Reservierungen sind möglich per Mail an achteinhalb@web.de bis 15 Uhr am Tag der Vorstellung. Sie erhalten auf jeden Fall eine Rückmail entweder mit einer Reservierungsbestätigung oder einer Info, dass Ihre Reservierung nicht mehr möglich war. Das achteinhalb öffnet spätestens 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn. Die Karten bitte bis 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn abholen, da diese ansonsten - sorry - in den freien Verkauf gehen. Bitte sprengen Sie nicht unsere Kasse, bezahlen Sie möglichst nicht mit 50 Euro Scheinen.
Wenn ein Film von Ulrich Seidl angekündigt ist, ist etwas Besonderes zu erwarten. Er gehört zur österreichischen Satiriker-Garde, die humorvoll und ironisch, aber auch schonungslos und unerbittlich gesellschaftliche Zustände durchleuchtet. Mit dem Import und Export sind dieses Mal Menschen gemeint, die von Ost nach West und von West nach Ost auswandern, Olga und Pauli genauer gesagt. Olga, die aus der Ukraine kommt, ist eigentlich Krankenschwester. Doch da die Lebensbedingungen in ihrer Heimat relativ hilfsbedürftig sind, versucht sie sich, von einer Freundin animiert, auch als Internet-Sex-Model. Dann kommt sie nach Wien. Bei einer kratzbürstigen Wienerin verliert sie ihren Job als Putzfrau rasch wieder. Schließlich landet sie, nicht als Krankenschwester, die sie ja ist, sondern wieder nur als minderwertige Hilfskraft, in der Geriatrie – bei den Sterbenden. Pauli lebt in Wien. Festen Boden unter den Füßen hat er nicht. Er ist eher Herumtreiber, Schuldenmacher, Arbeitsloser, Schläger. Denn seine Stellung als Security-Mann hat er schnell wieder eingebüßt. Ab und zu hilft er seinem Stiefvater, Spielautomaten aufzustellen. Dabei geht es auch in die Ukraine. Nicht ausgeschlossen, dass Pauli für immer dort bleiben wird. Schön gegengeschnitten ist, was sich im Leben dieser beiden Menschen und in ihrer Umgebung abspielt. Drastisch geht Seidl dabei vor: in Olgas Wohnung, bei ihren schlüpfrigen Erlebnissen als Sex-Girl, in ihren Stellungen als Putzfrau, wo sie einem ausgestopften Fuchs nach Ansicht ihrer Patronin die Zähne nicht richtig putzt, im Altersheim bei den Leidenden, Betenden, Röchelnden, Sterbenden. Nicht viel besser geht es Pauli. Er lebt in einer kalten, trüben Welt, aus der er manchmal fliehen muss, wenn „dunkle Ehrenmänner“, Gewalttäter oder Alkoholiker ihm zu nahe kommen. Sex und Tod, Sieger und Verlierer, Macht und Hilflosigkeit – alles ist da. Seidl nimmt extreme Beispiele, um aufmerksam zu machen, um wachzurütteln, um auf Missstände hinzuweisen. Das würde er mit einer „braven“ Handlung nicht in dem Maße erreichen. Dazu kommt ein stupendes künstlerisches Talent. Seidl weiß am richtigen Platz in das jeweils anstehende Thema einzudringen, es auszumalen, den Zuschauer zu packen. Der Film wirkt denn so auch eine ganze Weile nach. Dokumentarischer Spielfilm über zwei Schicksale, die einem die Augen öffnen und zum Nachdenken bringen. Drastisch und satirisch, aber auch ernsthaft, manchmal humorvoll und vor allem menschlich ehrlich. Thomas Engel (Gilde Filmdienst) Stimmen zum Film: Kino-Zeit: Auch nach der Vorführung in Cannes spaltete der Film die Kritiker in zwei Lager. Wie lautet die Empfehlung? Am besten reingehen und selbst herausfinden. Dieser Film ist eine der intensivsten Erfahrungen in diesem Kinoherbst. Ulrich Kriest vom Filmdienst schreibt: es sei der "bislang optimistischste Film Seidls", weil es immer wieder positive Momente gibt: "Je länger man Import Export sieht, desto klarer wird, dass Seidl von der Würde des Menschen erzählt und sein Film große Momente von Menschlichkeit in sich trägt, die sich in subtilen Nebensächlichkeiten, in Momenten der Entscheidungsfreiheit zeigen. (...) Das ist die große Kunst des Ulrich Seidl: dass er zeigt, was man lieber nicht sehen möchte, eine Gesellschaft, die Ausbeutung bis in die letzte Verästelung der Verkehrsformen zur Grundlage hat Filmmagazin Schnitt: gerät Import Export zu einem grandiosen Werk, das, Engagement und Konsequenz betreffend, im deutschsprachigen Kino zur Zeit ohne Vergleich ist. Inge Kutter von der Zeit zieht einen hübschen Vergleich: Im deutschen Film sei der Mensch zumeist gut. Manchmal etwas kauzig, betrunken oder bemitleidenswert, aber im Grunde gut. Im österreichischen Film habe er dagegen Abgründe. Heike Kühn ( Frankfurter Rundschau) spricht von einem "grandiosen Film", einem "rigorosen Meisterwerk". Laut Kühn sagen die Bilder: "Wenn die Wirklichkeit pornographisch ist (...) wäre das Obszönste, sie nicht zu zeigen. Martin Waldner von der NZZ lobte den Film; Seidl zeige hier seine Meisterschaft als Regisseur, indem er "das Gemeine unzimperlich inszeniert, aber immer auch in seinem Erzählen wieder abfängt und so die Würde der Personen auf stille Weise im Fokus behält"; weder "suhlt sich dieser Film im Gemeinen", noch "erliegt er sozialromantischem Pathos, wonach die miesen Verhältnisse automatisch miese Charaktere generierten". Cristina Nord von der taz lobte den Regisseur für seinen Film: "Legte er in den vorangegangenen Filmen noch eine gewisse Unbarmherzigkeit an den Tag, so glaubt man ihm diesmal, was er schon früher für sich beanspruchte: dass er voller Zärtlichkeit und Liebe für seine Protagonisten ist." Wolfgang Höbel vom Spiegel meinte, Seidl gelinge es "derzeit von allen Filmemachern am besten, mit einer Präzision, Lässigkeit und Bosheit das Innerste von leidenden Menschen in grandiose Kinobilder zu übersetzen". Der Film zähle zu den Favoriten im Wettbewerb um die Goldene Palme
Kurzkritik aus dem Film-Dienst: Eine Krankenschwester aus der Ukraine hofft, in Wien erträglichere Lebensumstände anzutreffen, erlebt jedoch eine endlose Abfolge von Verletzungen und Erniedrigungen. Ihr Schicksal wird mit dem eines jungen Sicherheitsmannes kontrastiert, der in seinem Job scheitert und mit seinem widerlichen Stiefvater eine Geschäftsreise in die Slowakei antritt. Der Film schildert zwei Bewegungen von Ost nach West und umgekehrt und konfrontiert mit dem allumfassenden Schrecken einer Gesellschaft, die Ausbeutung bis in die letzte Verästelung der Verkehrsformen zur Grundlage hat. Trotz der kompromisslosen Härte kein pessimistischer Film, da er seinen Hauptfiguren moralische Integrietät zugesteht und im Zuschauer humanistische Impulse auszulösen vermag. ausführliche Kritik aus dem Film-Dienst: Ein Menschenfreund ist der österreichische Filmemacher Ulrich Seidl sicher nicht. Wenn er seinen präzisen, gnadenlosen Blick auf die Verhältnisse wirft, zeigt sich schnell, dass die Menschen sich untereinander nicht freundlich gesonnen sind. Da geht es häufig um Ausbeutung und Gewalt, die Vergletscherung von Gefühlen, Rohheit und Gemeinheit. Seidl hat als kontrovers diskutierter Dokumentarist begonnen, der seinen Objekten mit Mitteln der bewussten Inszenierung Abgründe entlockte („Tierische Liebe“), und dreht seit „Hundstage“ auch Spielfilme mit stark dokumentarischen Anteilen. Merkwürdigerweise ähneln sich beide Genres sehr, was darauf hinweist, dass Seidl sich die Welt nach seiner Façon zurechtbastelt; vielleicht bedeutet es aber auch, dass er die Condition humaine besser als andere Filmemacher in den Blick bekommt. Davon, dass er zumindest mutiger ist als die meisten seiner Kollegen, zeugt der mitunter grimmige Humor seiner Filme: Man lacht über das, was man sieht, und schämt sich zugleich dafür. „Import Export“ erzählt von zwei Reisebewegungen, von Ost nach West, von der Ukraine nach Wien, und umgekehrt. Es ist Winter. Man wird Zeuge der latent sadistischen Ausbildung von Security-Angestellten, besucht kurz die Kinderstation eines Krankenhauses, etwas länger eine Agentur für Internet-Sex, ein Trainingsseminar für Langzeitarbeitslose, die Todesstation einer geriatrischen Anstalt, eine Roma-Wohnsiedlung in der Slowakei und ein Intourist-Hotel in der Ukraine. Man erlebt eine endlose Folge von Erniedrigungen und Verletzungen. Der Tod, auf den die Alten im Pflegeheim warten, scheint tatsächlich eine Erlösung zu sein. Da ist die junge Krankenschwester Olga aus der Ukraine, die vor den erbärmliche Lebensumständen in ihrer Heimat nach Wien „flieht“ und dort einen Job als Kindermädchen bekommt. Sie ist eine billige Arbeitskraft, die in der Waschküche einen Schlafplatz zugewiesen bekommt, von den Kindern drangsaliert und von der Mutter argwöhnisch kontrolliert wird. Als sie beginnt, zu ihren Schützlingen ansatzweise eine emotionale Beziehung aufzubauen, wird sie entlassen. Wer Menschen einstellt, darf sie auch feuern – ganz einfache Regeln, erklärt die Mutter. Olga findet einen neuen Job in der geriatrischen Klinik, jetzt als Putzfrau. Wenn sie sich den Patienten zuwendet, wird sie gemaßregelt, weil Mitgefühl nicht in ihr Arbeitsfeld gehört. Da ist Pauli, ein Junge, der für seinen Job als Security-Mann ausgebildet wird, seinen Körper stählt und mit seinem Kampfhund seine Freundin erschrickt, der aber trotzdem bei der ersten Gelegenheit in seinem Job von einer Jugend-Gang erniedrigt und gedemütigt wird. Als er daraufhin seine Arbeit in einem Parkhaus verliert und keine neue findet, muss er an sinnlosen Bewerbungsseminaren teilnehmen, in denen man vor allem lernt, sich gefügig zu zeigen. Der Slogan lautet: „LMAA: Lächle mehr als andere!“ Pauli hat keine Perspektive, selbst sein schmieriger Stiefvater Michael kündigt ihm die Solidarität auf, will geliehenes Geld zurück. Schließlich muss er Michael bei einem neuen Job begleiten. Gemeinsam liefert man Automaten in der Slowakei und in der Ukraine aus. Eigentlich ein Kinderspiel, aber Michael denkt nur an das „Pudern“ junger Mädchen, die in Motels auf zahlungskräftige Kunden warten. Ein Road-Trip in eine unglaubliche soziale und psychische Verelendung beginnt. Seidl hat dieses bittere Stationendrama mit insistierender Konsequenz fixiert. Er erspart dem Zuschauer nichts und wählt bewusst „schöne“ Einstellungen für das Elend, das manchmal ins Groteske umschlägt, wenn die erniedrigten und beleidigten Figuren ihrerseits Hierarchien einklagen. Dann erlebt man Augenblicke endgültiger Wahrheit, wenn die Kamera beispielsweise registriert, wie Olga um ihre Würde zu kämpfen beginnt, wie Pauli die furchtbaren und furchtbar armseligen Machtspielchen des Stiefvaters nicht mehr erträgt. Hier arbeitet der Film mit subtilen Kontrapunkten, mit Figuren, die – vielleicht nur instinktiv, aber mit großer Wirkung – Lernprozesse durchlaufen. Widerstand fängt manchmal dort an, wo Menschen Verhaltensmuster durchbrechen, sich verweigern und sich einen risikoreichen, weil eigensinnigen Weg in eine (mögliche) Zukunft bahnen. So sitzt man im Kino – fassungslos und fasziniert – und sieht sich mit dem allumfassenden Schrecken konfrontiert, der noch die Erlösungssehnsucht der Alten in der geriatrischen Verwahranstalt zu einem obszönen, aber mitleidenden Konzert von Stimmen musikalisch arrangiert. Dann geschieht das Erstaunliche: Je länger man „Import Export“ sieht, desto klarer wird, dass Seidl von der Würde des Menschen erzählt und sein Film große Momente von Menschlichkeit in sich trägt, die sich in subtilen Nebensächlichkeiten, in Momenten der Entscheidungsfreiheit zeigen. Mit Pauli, dem man zunächst als borniertem, machohaftem Skinhead begegnet, hat Seidl sogar erstmals eine Figur, die eine positive Entwicklung durchmacht. Das ist die große Kunst des Ulrich Seidl: dass er zeigt, was man lieber nicht sehen möchte, eine Gesellschaft, die Ausbeutung bis in die letzte Verästelung der Verkehrsformen zur Grundlage hat – und dass er genau dadurch im Idealfall beim Zuschauer einen humanistischen Impuls erzeugt, der vielleicht nur darin liegt, dass man hofft, dass niemand derart abgestumpft sei, sich hier seinen voyeuristischen Kick holen zu wollen. Insofern ist „Import Export“ der bislang optimistischste Film Seidls. Er zeigt, dass nichts bleiben muss, wie es ist. Aber er zeigt auch, wie es ist. Ulrich Kriest Kritik aus film-dienst Nr. 21/2007
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