achteinhalb

Kino & Kultur e.V.

Brinkmanns Zorn

FREITAG

25. Januar

um 20.30 Uhr

SAMSTAG

26. Januar

um 20.30 Uhr

Eintritt: 4,50 Euro

Regisseur Harald Bergmann stellt am Freitag im achteinhalb
seinen Film vor.

50% der Karten sind reservierbar, mindestens 50% gehen auf jeden Fall über die Abendkasse in den freien Verkauf. Reservierungen sind möglich per Mail an achteinhalb@web.de bis 15 Uhr am Tag der Vorstellung. Sie erhalten auf jeden Fall eine Rückmail entweder mit einer Reservierungsbestätigung oder einer Info, dass Ihre Reservierung nicht mehr möglich war. Das achteinhalb öffnet spätestens 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn.
Die Karten bitte bis 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn abholen, da diese ansonsten - sorry - in den freien Verkauf gehen. Bitte sprengen Sie nicht unsere Kasse, bezahlen Sie möglichst nicht mit 50 Euro Scheinen.

Kurzbeschreibung

„Brinkmanns Zorn“ ist ein Ereignis. Auf der Grundlage von Tonbandaufnahmen Rolf Dieter Brinkmanns erweckt Harald Bergmann in einem formal hoch interessanten Experiment den legendären Dichter der Beat-Generation wieder zum Leben. Bergmann rekonstruiert zu den Tondokumenten die Bilderwelten, in denen sich der Schriftsteller bewegte, während er seine permanenten Weltbeschimpfungen aufzeichnete. Das Zusammenspiel von Original-Stimme und präziser schauspielerischer Darstellung geht weit über das hinaus, was man als literarisches Filmporträt kennt.

Filmdaten

Filmtitel: Brinkmanns Zorn
Produktionsland/- jahr: Deutschland 2006
Kinostart in Deutschland: 11. Januar 2007
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (Freigabedatum 27.11.06)
Format: 1:1,85
Verleih: Neue Visionen in Berlin
Transport: TNT ins JS

Produktion:

Harald Bergmann, Wilfried Reichart

Regie:

Harald Bergmann

Buch:

Harald Bergmann

Kamera:

Harald Bergmann, Elfi Mikesch

Schnitt:

Harald Bergmann

Darsteller:

Eckhard Rhode (Rolf Dieter Brinkmann), Alexandra Finder (Maleen Brinkmann), Martin Kurz (Robert Brinkmann), Rainer Sellien (Henning), Isabel Schosnig (Linda), Baki Davrak (Konrad)

Kritik aus dem Film-Dienst und aus EPD-FILM

die Kurzkritik:
O-Töne aus einer Lesung des Literaten Rolf Dieter Brinkmann (Cambridge 1975), Super8-Filme aus dem Nachlass des Dichters sowie deren szenische Umsetzung mit Darstellern vereinen sich durch eine rhythmisch kongeniale Montage zu einem kraftvollen, stimmigen und mitreißenden Literaturfilm, der die Wut des Dichters gegen den Literaturbetrieb ebenso wie die Hässlichkeit der herrschenden Zustände spürbar macht. Zudem vermittelt sich nachhaltig, wie leidenschaftslos die aktuelle deutsche Gegenwartsliteratur ist. - Sehenswert ab 16.

DVD: Die "Director's Cut" Edition (3 DVDs) besticht durch eine mustergültige Aufbereitung des Films durch wertvolles Sekundärmaterial: U.a. durch eine DVD mit von Harald Bergmann kompilierten Super-8-Filmen (88 Min.), einer DVD mit Arbeits-, Tagebüchern und Collagen (69/79 Min.) des Porträtierten sowie eines ausführlichen, erhellenden Booklets zu den DVDs (20 Seiten). Die Edition ist mit dem Silberling 2007 ausgezeichnet.
die ausführliche Kritik:
Brinkmanns Zorn
„Ab und zu mal ein Geräusch machen!“ – „Sprechen gegen den Unsinn der Gegenwart, gegen den Unsinn der Vergangenheit!“ Wie gelingt die Annäherung und Fixierung von Gegenwart? Der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann (1940–1975) wurde in den vergangenen Jahren als einer der bedeutendsten frühen Pop-Literaten wiederentdeckt, besser: gehandelt. Das beruht auf einem eklatanten Missverständnis, denn die Texte Brinkmanns haben nichts, aber auch gar nichts mit den oberflächlichen Flaneuren der bunten Warenwelten zu tun, die einem seit Stuckrad-Barre als „Pop“ angedient werden sollen.

Brinkmann sorgte einerseits (gemeinsam mit Ralf-Rainer Rygulla) für die frühe Rezeption amerikanischer Beat-Literatur und deren origineller Cut-Up-Techniken, andererseits zeigte er sich als äußerst rabiater, ja verzweifelter Kritiker der bundesdeutschen Spießer-Renaissance der 1960er-Jahre. Pop und die Rekonstruktion von Alltag stehen bei Brinkmann noch klar für Dissidenz und Gegenkultur, während heutzutage alles „Pop“ ist. In den späten 1960er-Jahren, nach der Veröffentlichung der Textsammlung „Acid“, gewann Brinkmann im Rekurs auf die Sprachphilosophie Fritz Mauthners die Einsicht, dass konventionelles Schreiben, Sprache, Wörter als Mittel der Welterkenntnis völlig untauglich sind. Brinkmann schrieb aus Spaß weiter, für sich, sah darin auch einen Akt des Widerstands gegen die lärmend konsumierende Umwelt: „Man ist ja nicht zufrieden mit sich, wenn man nicht jeden Tag etwas gekauft hat.“ In den folgenden Jahren wandte er sich Cut-Up-Techniken zu und experimentierte mit Fotografie und Tonbandaufnahmen. Seine sich anschließenden Veröffentlichungen gerieten zu komplexen Wort-Bild-Collagen, deren Schreibprogramm sich am besten im Titel eines Bands formuliert findet, der erst 1987 aus dem Nachlass veröffentlicht wurde: „Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand: Reise Zeit Magazin“. 1975 wurde Rolf Dieter Brinkmann nach einer Lesung in Cambridge (die im Film auch zu sehen ist) in London bei einem Verkehrsunfall getötet. Die faszinierenden, mehrstündigen Tonband-Dokumente, eine Art höchst subjektiver Zeitmitschrift, wurden 2005 unter dem Titel „Wörter Sex Schnitt“ in einer famosen Fünf-CD-Box veröffentlicht und begeistern gerade durch die Präsenz von Brinkmanns abenteuerlichem Furor gegen den Literaturbetrieb, gegen Marcel Reich-Ranicki, die Stadt Köln, das Familienleben und die Hässlichkeit der herrschenden Zustände im Allgemeinen.

Der Filmemacher Harald Bergmann, bekannt durch ungewöhnliche, Maßstab setzende Literaturverfilmungen wie „Hölderlin-Comics“ (1993/94) oder „Scardanelli“ (fd 35 497) hat diese O-Töne aus dem Nachlass und den Super8-Filmen des Dichters genommen und sie mit einigen Darstellern szenisch umgesetzt, nachgestellt, zum Leben erweckt, den „Film in Worten“ (Buchtitel) mit den Mitteln der Fiktion zum Laufen gebracht. Herausgekommen ist dabei ein ungewöhnlich kraftvoller Film, der Brinkmanns „Rap“ rhythmisch kongenial montiert und zu einem stimmigen, mitreißenden Porträt formt. „Brinkmanns Zorn“ ist ein absoluter Glücksfall von einer Literaturverfilmung, rasant, mitreißend, zornig, unterhaltsam und klug. Bergmanns ebenso mutiger wie radikaler Ansatz, der Stimme, Bilder und Texte zur fiktionalen Fabrikation eines scheinbar dreidimensionalen Wiedergängers nutzt, wird der Arbeit des Porträtierten gerade dadurch gerecht. Hat man als Zuschauer die Dringlichkeit von „Brinkmanns Zorn“ gesehen, erlebt, durchlitten, erfahren, wird klar, wie schwach, anämisch und leidenschaftslos die deutsche Gegenwartsliteratur ist. Von den aktuellen so genannten Pop-Literaten gar nicht erst zu reden.
Ulrich Kriest
Kritik aus film-dienst Nr. 1/2007

KRITIK VON EPD-FILM
Brinkmanns Zorn
Experimentelle Annäherung an den Lyriker Rolf Dieter Brinkmann

Brinkmanns Zorn kommt schreiend und flüsternd daher, als nüchterne Bestandsaufnahme des alltäglichen Wahnsinns, als betäubende Wortkaskade oder als Weltekel, der sich gegen alles und jeden richtet. Das Besondere dabei: Der Zorn des Pop-Poeten Rolf Dieter < Brinkmann >, geboren 1940, gestorben 1975 bei einem Autounfall in London - ist im O-Ton überliefert, festgehalten auf einem Tonbandgerät, das sich der Autor beim WDR geliehen hatte. Als < Brinkmann > in den Jahren 1973 und 1975 zwölf Stunden Band besprach, meist als Kommentar auf seinen Streifzügen durch die Kölner Innenstadt, hatte er sich längst aus dem literarischen Betrieb zurückgezogen. Hatte er schon, wie es auf den Bändern heißt, sein Schreiben als "Widerstand gegen eine lärmende und tobende Umwelt" begriffen, so bezieht seine Verweigerung nun auch die Schriftsprache mit ein. Das gesprochene und unmittelbar fixierte Wort ist, wie es scheint, die letzte Möglichkeit, eine Einheit von Erfahrung und Sprache zu wahren. Brinkmanns Bänder sind faszinierende Bestandsaufnahmen eines Individualisten, der die Verhärtungen und Versteinerungen von Menschen und Dingen registriert, eines Chronisten, für den die Gegenwart ein "Irrenhaus voller Gummiwände und Brandmauern" ist.
Wie kommt man den Erfahrungen dieses radikalen Subjektivisten filmisch bei? Harald Bergmann, mit seiner Hölderlin-Trilogie (1992 - 2000) als eigenwilliger Regisseur im Umgang mit literarischen Themen ausgewiesen, geht ebenfalls unkonventionell vor und fertigt eine Montage aus Super-8-Aufnahmen Brinkmanns, Wort-Bild-Collagen aus dessen Werken sowie einer Spielebene. Auf dieser agieren < Brinkmann > (Eckhard Rhode), seine Frau Maleen (Alexandra Finder) und sein sprachbehinderter Sohn Robert (Martin Kurz).
Bergmann lässt nicht nur die Schauspieler exakt lippensynchron zu den Bandaufnahmen spielen, er weist auch den Geräuschen auf den Bändern Bilder zu. Die Requisiten sind stimmig bis ins Detail, von den verstreut herumliegenden Schallplatten bis zur klappernden Schreibmaschine. Das historische Tonbandgerät geschultert, mit dem Mikrofon in der Hand läuft Eckhard Rhode Brinkmanns Parcours ab, während dieser den "miesen, gelben, schmutzigen Kölner Kackhimmel" verflucht und die Sonne als "gelbe Sau" beschimpft. Oder: "Hier ist die Maastrichter Straße. Jetzt pinkle ich an der Maastrichter Straße", klingt es vom Band, und Rhode tut, wie ihm geheißen, während die Stimmen empörter Bürger zu hören sind.

Brinkmanns Zorn ist aber keine Illustration eines vorab diktierten Drehbuchs, sondern ein spannendes filmisches Experiment, das Brinkmanns Welterfahrung auch mit dessen eigenen Methoden mitzuteilen versucht. Die hochauflösende Videokamera (Elfi Mikesch, Harald Bergmann) liefert dazu verwaschene und verschwimmende Bilder von abweisenden Straßenzügen, Parkplätzen, Tankstellen, Imbissbuden und ähnlichen Orten urbaner Unwirtlichkeit. Raimund Gerz
Mit vielfältigen experimentellen Verfahren übersetzt Harald Bergmann den auf O-Tonbändern festgehaltenen Weltekel des Lyrikers Rolf Dieter < Brinkmann > in eine Art großstädtisches Roadmovie - eine ungewöhnliche und gelungene Form von Literaturvermittlung.

Erschienen in: epd Film
am: 03.01.2007
Erscheinungsnummer: 1/2007
Autor: Raimund Gerz