|
achteinhalb
Kino & Kultur e.V.
Fellini erinnert sich an seine Jugendzeit in Rimini und zeichnet eine von einfachen Menschen, Käuzen und Originalen belebte Provinzlandschaft, wobei er auch psychische und politische Bedingtheiten der 30er Jahre einbezieht. Der Film ist kein objektiver Bericht, sondern ein durch Erinnerungen verändertes und verwandeltes Zeitbild, in dem der Satiriker Fellini seiner Phantasie und Vorliebe fürs Groteske freien Lauf läßt - eine bildmächtige Schau des vielfältigen, abgrundtief häßlichen wie unendlich schönen Lebens. Filmdienst: Die bildgewaltige Familiengeschichte AMARCORD gehört zu den erfolgreichsten Filmen des italienischen Meisterregisseurs Federico Fellini. Zwar bestritt der Regisseur jeden autobiografischen Einfluss, doch der Titel seines Films lässt keinen Zweifel am persönlichen Bezug: „Amarcord“ bedeutet im Dialekt der Emilia Romagna: „Ich erinnere mich". Aus der Perspektive eines neugierig-staunenden 16jährigen Jungen präsentiert der Film ein Panoptikum skurriler Charaktere, ein Kaleidoskop ebenso amüsanter wie erschreckender Momentaufnahmen eines Italiens zur Zeit des Faschismus. Aus den zahlreichen Episoden entwickelt Fellini das Stimmungs- und Sittenbild einer Epoche. Für Amarcord erhielt Fellini 1975, nach La strada, Le notti di Cabiria (Die Nächte der Cabiria) und La dolce vita (Das süße Leben), den vierten Oscar in der Kategorie bester fremdsprachiger Film. Amarcord gewann 13 weitere Preise und wurde zusätzlich dreimal nominiert. Amarcord Italien/Frankreich, 1973 Farbe Produktionsfirma: Vides/P.E.C.F. Länge: 127 Minuten FSK: ab 16 Jahren; f FBW: besonders wertvoll Premiere: 18.12.1973 in Italien Kinostart BRD: 22. März 1974 20. Juni 2002 Wiederaufführung Deutschland, Verleih Alamode 4.2.1977 Kino DDR 10.7.1988 ARD DVD: 23.4.2004 (Standard), 11.2.2005 (Special Edition) Produktion: | Franco Cristaldi | Regie: | Federico Fellini | Buch: | Federico Fellini, Tonino Guerra | Kamera: | Giuseppe Rotunno | Musik: | Nino Rota | Schnitt: | Leo Catozzo | Darsteller: | Magali Noël (Gradisca, Friseurin), Bruno Zanin (Titta Biondi), Armando Brancia (Aurelio Biondi, Tittas Vater), Pupella Maggio (Miranda Biondi, Tittas Mutter), Giuseppe Ianigro (Tittas Großvater), Nando Orfei (Pataca, Bruder Mirandas, Tittas Onkel), Ciccio Ingrassia (Teo Biondi, Bruder Aurelios,Tittas Onkel), Luigi Rossi (Advokat), Maria Antonietta Beluzzi (Tabakhändlerin), Stefano Proietti (Oliva Biondi, Tittas Bruder), Josiane Tanzilli (Volpina, Prostituierte), Gianfilippo Carcano (Don Baravelli), Domenico Pertica (blinder Mann), Antonino Faa Di Bruno (Graf Lovignano), Gennaro Ombra (Biscein), Ferruccio Brembilla (Faschistenführer), Mauro Misul (Philosophie Lehrer), Ferdinando Villella (Griechisch Lehrer) | über Amarcord in Wikipedia über Federico Fellini in Wikipedia über den Komponisten Nino Rota in Wikipedia über den Kameramann Giuseppe Rotunno in Wikipedia Magali Noël in Wikipedia Ciccio Ingrassia in Wikipedia Besprechung der Filmzentrale Deutsches Filminstitut Besprechung von Dieter Wunderlich Mein-Italien Follow-me-now die Filmplakate von Amarcord aus dem Reclam Filmlexikon: Der Dorfnarr eingangs, dann ein freundlich-skurriler Advokat treten bisweilen als Fremdenführer, als Erzähler auf und wenden sich unmittelbar ans Publikum. Der Advokat berichtet von Sitten und Gebräuchen, von Anekdoten und Legenden in der Provinzstadt am Meer. Eine andere Erlebnisperspektive tritt mit seiner in Konkurrenz, nämlich die Tittas, eines halbwüchsigen Jungen in der Pubertät, der bei seinen Eltern lebt und die Generation vergegenwärtigt, der Fellini (1920 geboren) angehört. Die Handlung spielt ungefähr zwischen 1933 und 1937, es gibt verschiedene Indizien, die eine präzise Zuordnung verbieten. Die Chronik eines Jahres von Frühjahr zu Frühjahr. Der Titel, aus dem romagnolischen Dialekt übersetzt, heißt: Ich erinnere mich. Pappelsamen, wie kleine Watteflocken, fliegen durch die Luft, Vorboten des Frühlings. Bei einem Fest auf dem Hauptplatz kommen fast alle Personen zusammen, denen der Film im folgenden sein Interesse schenkt: kuriose Randexistenzen, die Halbwüchsigen, die ältere Generation, die Müßiggänger (etwas weniger liebenswürdig charakterisiert als in Fellinis frühem Film I vitelloni / Die Müßiggänger, 1953). Gradisca ist für den ganzen Ort Inbegriff der verlockenden Frau. Die junge Friseuse ist noch ledig, träumt aber von einem Mann, der den Wettbewerb mit Gary Cooper aushalten müßte. Am Schluß des Festes fährt der einsame, nie näher identifizierte Motorradfahrer durch den Rest des verglimmten Scheiterhaufens. »Der Film wird wie ein Album werden, wie wenn man in einem alten Photoalbum blättert. Bilder, Augenblicke. Kein Held« (Fellini). Amarcord zerfällt in viele kleinere Episoden, Fellini nimmt sich nur drei- oder viermal die Zeit, größere Komplexe auszubilden. Zum Beispiel in einer Sequenz, die eine Reihe beinahe grotesker Lehrer während ihrer Unterrichtsstunden beobachtet, oder in einer Sequenz, die die erotischen Nöte Tittas und seiner Altersgenossen (ziemlich) deutlich macht. Oder beim Aufmarsch der faschistischen Jugendorganisationen auf dem Bahnhofsplatz, weil zur Gründungsfeier Roms der Federale (der Gouverneur) kommt, um die Stadt zu besuchen. Die Anhänger Mussolinis erscheinen vornehmlich als Kasperle oder Clowns, immerhin entsteht eine Festtagsstimmung, an der der ganze Ort teil hat, bis vom Campanile plötzlich die Internationale ertönt, gespielt von einem Grammophon, das von erzürnten Faschisten heruntergeschossen wird. Man verdächtigt Aurelio, Tittas Vater, flößt ihm Rhizinusöl ein. Zu Hause muß er von seiner Frau gepflegt und getröstet werden. Vielleicht das schönste Kapitel in diesem Reigen der bunten Ereignisse ist der Sommerausflug der Familie Tittas, sie holen Onkel Teo im Irrenhaus ab und fahren mit ihm aufs Land. Sie essen zusammen, die Mittagshitze läßt alle friedlich gestimmt sich da- und dorthin verlieren, bis plötzlich ein energischer Notschrei die Luft durchschneidet: Teo ist auf einen Baum gestiegen und ruft: »Ich brauche eine Frau.« Von diesem Baum ist er durch alle Tricks nicht herunterzuholen, bis abends Leute aus der Anstalt kommen und ihn zurückbringen. Verschiedene Welten stoßen zusammen und dürfen doch unter der Klammer der Familie gemeinsam bestehen. Obwohl Teo sich in die Hose pinkelt und am Ende unglückselig auf dem Baum sitzt, wird ihm nicht die Würde abgesprochen, und daß sein Lockruf eine gewisse Verzweiflung ausdrückt, ist nicht zu verhehlen. Auch das anschließende Kapitel muß hervorgehoben werden: Es scheint so, als würden alle Bewohner der Stadt zum Meer eilen, an der Mole steigen sie in Boote und Schiffe und fahren hinaus. Die Nacht bricht herein, ohne daß der Zuschauer erfahren hätte, welchem Ziel diese Massenbewegung gilt. Für die Nacht versetzt Fellini die Szene ausdrücklich ins Atelier, das Meer besteht aus Plastikbahnen. Plötzlich mit einem Schiffssirenenton taucht das Wunder auf, auf das alle warten: Der Ozeanriese Rex kommt von Amerika zurück, ein riesig wirkendes Modell mit vielen Lichtern, das eine künstlich hergestellte Bugwelle quer durchs Bild wirft. Die Reaktion ist mehr als Staunen, Gradisca ist förmlich aufgewühlt: Beim Anblick des Dampfers glaubt sie teilzuhaben an der großen Welt, in die sie sich sonst im Kino hineinträumt. Fellini inszeniert den Ausbruch dieser Sehnsucht frei von spöttischer Herablassung. Die Folge der nächsten Szenen hat mit der Vorstellung von einer weiten Welt da draußen in der Ferne mehr oder weniger verschlüsselt zu tun. Der dichte Nebel, der die Straßen erfüllt, läßt das eigene Umfeld plötzlich als fremd erscheinen, der Großvater verirrt sich, obwohl er kaum das Haus hinter sich gelassen hat. Im Herbst tanzen die Halbwüchsigen auf der Terrasse des inzwischen geschlossenen Grand Hotels, als hielten sie wunderbare Geliebte in ihren Armen. Die Rennwagen der Mille Miglia sausen nachts durch die Stadt, eine der vielen Stationen auf dieser langen Rennstrecke. Dann kehrt sich das Interesse wieder Titta zu, der die üppige Tabakhändlerin hochstemmt und dafür zum Lohn zwischen ihren riesigen Brüsten beinahe ersticken darf. Die gewaltige Anstrengung läßt ihn so erschöpft zurück, daß er krank wird. Im Winter schneit es, ungewöhnlich für die Gegend, tagelang. Kaum können die Erwachsenen über die aufgeschaufelten Schneemassen hinwegsehen. Tittas Mutter muß in die Klinik. Die dazwischengeschobene Schneeballschlacht läßt die Unruhe nur wenig abflachen, die Unruhe darüber, was mit diese-- sympathischen, handfesten und temperamentvollen Frau geschehen wird. Sie stirbt. Ihr Bruder, ein glatter und gleichgültiger Tunichtgut, der mit Haarnetz am Frühstückstisch sitzt, verwandelt sich zum heulenden Elend. Der Vater hockt in dem plötzlich leer wirkenden Haus in apathischer Stummheit. Titta verläßt die Räume, durch die der Tod gegangen ist. Auf der Mole fliegen wieder die ersten Pappelsamen, die Vorzeichen des neuen Frühlings. Die Hochzeit Gradiscas mit einem Carabimere, ihrem Gary Cooper aus der Provinz, bildet die Schlußsequenz. Alle sind noch einmal versammelt und feiern, rücken vor dem Photoapparat zusammen. Die Tafel ist am Strand aufgeschlagen, ein kleiner Regenschauer, am Ende gehen alle auseinander, Gradisca kann sich kaum von ihnen trennen, als sie mit ihrem Ehemann ins Auto einsteigt, das sie vielleicht für immer aus der Stadt entführen wird. Der Ruf nach Titta ist zu hören, aber der ist nicht mehr zu sehen - vielleicht nach Hause gegangen, heißt es. Vielleicht ist auch der Entschluß zum Aufbruch in ihm gereift, wie einst in Moraldo zwanzig Jahre zuvor in Fellinis Film I vitelloni, der als einziger in der Gruppe der Müßiggänger eines Morgens beschließt, mit dem Zug die Stadt zu verlassen. Nach Roma (1971) ist dies der zweite Versuch Fellinis in dieser Arbeitsperiode, das Porträt einer Stadt als geistiger Lebensform zu entwerfen (und dies war für ihn selbst vor Rom, der Metropole, Rimini, die Provinzgemeinde). Der Film wird sehr schnell erzählt, er springt mühelos von Episode zu Episode und bezaubert durch leichte Ironie, eher spielerisch als schroff, eher zulassend als abwehrend. Die Gemeinde in Amarcord setzt sich wesentlich aus bizarren und spinnerten Figuren zusammen - man muß nicht nur an die Parade der Lehrer und lokalen Sonderlinge denken. Diese leicht erkennbaren Narren werden nicht als Verunstaltete klassifiziert. Sie dürfen so sein, wie sie, leicht ins Farcenhafte überzeichnet, geschildert werden, ohne daß böse Folgen daraus erwachsen. Keiner hat Angst vor ihnen. Nirgendwo scheinen soziale oder politische Konflikte schwerer Art gefährlich zu werden. Selbst die Untersuchung, der Aurelio durch die erbosten Faschisten ausgesetzt ist, endet beinahe komödiantisch. Das riesige, aus Blumen zusammengesetzte Bild des Duce gleicht eher der Karikatur eines Menschen, der versucht, grimmig auszusehen - und dieses überlebensgroße Bild spricht dann auch tatsächlich, wir sehen es, nur zu einer der Personen, einem sehr beleibten Schulfreund Tittas, der sich so sehr wünscht, eine Mitschülerin zur Freundin oder Frau zu gewinnen. Da muß der Duce helfen, wie sonst der >liebe Gott<: ein Knabenglauben. Amarcord nimmt jedoch die hochfliegenden Hoffnungen der kleinen Leute ernst, verurteilt sie nicht, im Gegenteil: Sie machen oft die humane Substanz der Personen aus. Die Realität korrigiert zwar die Illusionen, aber selbst diese Korrekturen fallen sanft aus. Gradiscas Bräutigam ist nur ein einfacher Polizist, aber die Schöne des Ortes hat einen ihrer sehnlichsten Wünsche erfüllen können: nämlich zu heiraten und eine Familie zu gründen. In dem scheinbar so schwerelos verknüpften und schillernden Gewebe der verschiedenen Ereignisse fallen erst allmählich die dunklen Fäden auf, spätestens bei der schrecklichen Stille, die der Tod der Mutter im Hause Tittas hinterläßt. Zwölf Monate, vier Jahreszeiten sind vorüber, es ist etwas verlorengegangen: die Mutter ist gestorben, Gradisca heiratet und verläßt den Ort, Titta ist am Ende nicht mehr zu sehen. Fellini erzählt nicht nach dem Karussellprinzip der ewigen Wiederkehr vom immer Gleichen des Lebens in der Provinz, sondern bevorzugt von den merklichen Veränderungen, von den rot angezeichneten Kalendertagen. Seine aus kleinen Geschichten und der Geschichte der kleinen Leute zusammengesetzte Heimatlandschaft beginnt sich bereits aufzulösen. Der Gestus der Filmerzählung ist im Anhauch nostalgisch, weil sie an die friedlich-zänkische Koexistenz von Menschen erinnert, die sich als einzelne nicht ummauert hielten, für die der Aufmarsch der Diktatur blechernes Theater war, deren Denken, Träumen, Tratschen und Flunkern sich um die beständigen Dinge des Alltags drehte: Familie, Verrücktheit der einzelnen, Liebe, Geltungsvisionen, Tod. Die Trauer am Ende bezieht sich auf unwiderruflich >letzte Dinge< das Sterben, das Weggehen, das Vorbeisein. Nino Rotas historisierende Musik, dem Ohr schmeichelnd und wehmütig, lustig beschwingt und aus alter Zeit, trifft diese >Tonlage< - am Ende spielt ein blinder Musiker weiter, obwohl die Hochzeitsgesellschaft schon auseinander gelaufen ist. Offenbar hat ihm keiner gesagt, daß das Fest zu Ende ist. Th. K. - Thomas Koebner [Bildunterschrift:] Amarcord Gradisca (Magalie Noel), die weibliche Hauptfigur im Personenreigen dieses Films, starrt sehnsüchtig vom Boot aus auf den vorbeigleitenden Ozeanriesen »Rex«, der von Amerika kommt: das Symbol der großen Welt, an der sie, Gradisca, der »Star« ihrer kleinen Stadt, so gerne teilhaben möchte. Sie will einen Gary Cooper zum Mann, am Ende heiratet sie einen einfachen Carabiniere. Die Szene spielt auf dem Meer, ist aber unzweideutig im Studio gedreht worden, wo Fellini präziser arbeiten und ausleuchten, auch den Glanz wehmütigen Entzückens auf das Gesicht Gradiscas zaubern konnte. Denn er verachtet diese scheinbar trivialen oder banalen Gefühle nicht. Drehbuch: Fellini, Federico: Amarcord. Zürich 1974. Literatur: Salachas, Gilbert: Federico Fellini. Paris 1976. (Cinema d'aujourd'hui. 13.) - Budgen, Suzanne: Fellini. London 1966. -Betti, Liliana: Fellini. Versuch einer Sekretärin, ihren Chef zu porträtieren. Zürich 1976. - Bondanella, Peter (Hrsg.): Federico Fellini. Essays in Criticism. Oxford / London / New York 1978. - Fellini, Federico: Aufsätze und Notizen. Hrsg. von Anna Keel und Christian Strich. 2., verb. Aufl. Zürich 1981. - Fellini, Federico: Spielen wie die Kinder. Zürich 1984. - Fellini über Fellini. Ein intimes Gespräch mit Giovanni Grazzini. Zürich 1984. - Kezich, Tullio: Fellini. Eine Biographie. Zürich 1989. [Ital. Orig. 1984.] - Alpen, Hollis: Fellini. A Life. London 1987. - Fellini, Federico: Cinecittä - Meine Filme und ich. Hamburg 1990.
|
|